Das kulturelle Erbe unseres Essens

Smells Like Collective

Das Smells Like Collective ist eine 2018 gegründete Berliner Gemeinschaft von BIPOC (Black, Indigenous, and People of Colour), die ihre Identität und Esskultur zelebriert, zu ihren eigenen Bedingungen. "Wenn du über Essen und Kochen sprichst, macht das direkt eine Tür auf. In dir und zu jemandem". Ein Gespräch mit Daeng, Elena und Namareg vom Smells Like Collective über Respekt, Rassismus und Stolz.


Wie kam es zu dem Namen des Kollektivs?

Daeng: "Du riechst nach Curry, nach Frittierfett, nach Knoblauch! Fast jede/r von uns hat diese Erfahrungen in seiner Kindheit gemacht, jede/r kennt diese Geschichten. Ausgegrenzt zu werden wegen des Geruchs des Essens, das wir täglich mit in die Schule brachten, wegen unserer Lunchbox, wegen des eigenen Geruchs – dem Geruch aus der Küche unserer Mütter, die das Essen aus unserer Heimat kochen. Ich wünschte, ich hätte das nicht erfahren müssen, aber zu wissen, dass man nicht alleine ist mit den Erfahrungen, mit dem Trauma, nimmt die Scham. Gemeinsam zu kochen und zu essen, uns unsere Identität wieder anzueignen und stolz zu sein auf die eigene Kultur – das war die Idee mit der Kavita damals zu mir kam. Mit dem Wunsch etwas zu kreieren, was der BIPOC Community Stolz und Würde zurückgibt."


Was bedeutet das Kollektiv für euch?

Elena: "Für mich bedeutet das Kollektiv Geborgenheit. Hier muss ich mich nicht erklären".

Daeng: "Eine große erweiterte Familie. Auch wenn immer wieder neue Leute dazukommen, das Essen und seine Geschichten, verbindet uns alle."

Namareg: "Grenzenloser und direkter Support. Du fragst und jemand hilft dir. Egal ob es um Bürokratisches geht, um die Organisation eines Events, Pop Ups oder um einen Rat – du bekommst Unterstützung – emotionale und ganz praktische. Wir teilen Erfahrungswerte und Wissen, das ist so wertvoll."

Aus ursprünglich 5 Gründungsmitgliedern ist inzwischen ein Kollektiv von 60 Menschen geworden. Spürt ihr eine große Nachfrage?

Elena: "Ich treffe immer wieder Menschen, die das Bedürfnis haben, Teil von so einer Gemeinschaft zu sein. Ich wünsche mir, dass jede Person, die Smells Like braucht, zu uns findet und Teil des Kollektivs wird und unseren Zusammenhalt spürt."

Wie hat sich das Kollektiv in den letzten Monaten entwickelt? Wie kam es zu eurem Mini Market?

Daeng: "Mit dem Lockdown und den damit verbundenen Arbeitgeber und Arbeitnehmer-Maßnahmen, konnte man ziemlich schnell sehen, wer an der unteren Ende der Ernärhungskette ist. Das ist die BIPOC community. Das sind die nicht Registrierten in den Küchen, die, die am Herd oder an der Spüle stehen ohne richtige Verträge. Die werden nicht vom Staat unterstützt und wurden nicht aufgefangen durch Rettungsfonds. Viele aus unserem Kollektiv sind auch selbstständig und hatten Pop Ups geplant, die gecancelled werden mussten. All die waren hart betroffen. 

Aber eines unserer Ziele als Kollektiv ist es auch, uns unbürokratisch zu helfen und gegenseitig zu unterstützen. Während der Lockdown Zeit hat es sich für mich nicht gelohnt mein kleines Restaurant aufzumachen . Das heißt, da war plötzlich ein Raum, der leer stand. Warum nicht diesen leeren Raum umnutzen für ein kleines Zentrum, das uns allen dient? Und so kam es zum Smells Like Mini Market! Im Endeffekt hatten wir 15 Produzent*innen, die ihre Produkte verkauft haben – von Kimchi, Curry Pastes bis Kaya Kokusnussmarmelade. Und darüber hinaus war es ein toller Treffpunkt, in dieser Zeit, in der man so wenig Menschen sah. Wir konnten uns austauschen und Essen tauschen."

Elena: "Das war wirklich eine sehr schöne Erfahrung! Durch diesen Markt und den Ort, wo wir Ideen austauschen konnten und unsere Produkte herstellen konnten, war uns schnell ausgeholfen. Aber das Positive war vor allen Dingen die gemeinschaftliche Art das anzugehen."


Welche Forderungen habt ihr an die Gastronomie?

Daeng: "Ich wünsche mir, dass Arbeitgeber*innen sich selbst hinterfragen. Warum ist es der Schwarze Mensch, der bei mir an der Spüle steht? Fällt es mir leichter, der Schwarzen Person einen geringeren Lohn zu zahlen? Als Arbeitgeber*in ist es in meiner Macht Menschen Möglichkeiten und Angebote zu schaffen in Legalität zu leben. Wenn ich der Person einen festen Vertrag gebe, Sozialabgaben zahle und somit eine Aufenthaltsberichtigung ermögliche, kann sich daraus auch eine Karriere jenseits der Spüle entwickeln."

Namareg: "Hör auf zu reden und handle, schaffe Raum für alle Menschen. Respektiere, dass du kein Experte bist, nur weil du zwei Bücher über eine Küche gelesen hast oder das Land bereist hast. Diese kolonialisierte Denkweise muss aufhören, sie ist respektlos."

Elena: "Zur Gastro gehören für mich auch die Gäste. Am Tisch fängt es an. Wie spreche ich über Essen, das ich nicht kenne? Wie kommentiere ich es ohne den kulturellen Hintergrund zu kennen? Was ist eigentlich authentisch und was ermächtigt mich das zu beurteilen? Wenn es zu Lebensmitteln kommt, gibt es sehr viel Interesse an Achtsamkeit und Regionalität; an einer Auseinandersetzung mit den Zutaten unseres täglichen Essens, der Herkunft der Produkte, die wir essen. Warum können wir dieses Interesse nicht auch auf die kulturellen Geschichten der Gerichte, die wir essen, ausweiten?" (Elena).


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Wer das Kollektiv unterstützen mag, kann sich hier auf ihrer Seite über Veranstaltungen, Pop Ups und Artikel von Mitgliedern ihrer Gemeinschaft informieren. Hier außerdem ein großartiges Kochbuchprojekt von britischen Köch*innen mit Migrationshintergrund mit dem Namen "Community Comfort", in dem auch Mitglieder des Smells Like Collective involviert waren.
Wer sich noch weiterbilden will: Hier ein interessanter Beitrag des Goethe Instituts zu dem Thema, welche (post-)kolonialen Strukturen und Formen kultureller Aneignung in unserem Essen stecken – und was wir für die Zukunft mitnehmen können und hier ein Artikel des Time Out Magazines zum Thema "authentisches" Essen und warum die Verwendung des Begriffs schwierig ist.