Neues aus der Halle

Schöner die Bienen nie summen

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Ein Markttag und ein Bienenjahr mit Imker Moritz Seidler

Es ist noch nicht neun Uhr, als Nachbar Ulrich Trisolini um die Ecke biegt. Mit Einkaufstasche in der Hand schlendert er noch vor Marktbeginn durch die Markthalle Neun und grüßt herzlich in alle Richtungen. Er ist selbst Imker – gehört zu den „Freunden der Honigbiene" hier in Kreuzberg. „Würde man ja kaum meinen, aber die Stadt tut den Bienen gut. Keine Pestizide, und die Abgase können dem Honig nichts an." Zwei Imker, einer in der Stadt, einer auf dem Land, sinnieren früh am Morgen zwischen Holzkisten und Gläsern mit seidig fließendem und butterzartem bis kristallinem Inhalt über die beginnende Saison. Wie geht's den Völkern? Gut geht’s ihnen – der durchgehend knackige Winter verspricht gesunde Stöcke, sagen beide.

Moritz Seidler – im gelb-schwarzen Pullover den fleißigen Bienen nicht unähnlich – baut seinen Stand auf. Zahllose kleine und große Gläser, spektakulär beleuchtet, decken nach und nach das ganze Spektrum ab: von weiß über gold bis tief bernsteinbraun. „So eine Vielfalt sieht man eher selten, das kann ich mit Stolz sagen. Berlin und Brandenburg haben einiges zu bieten – vom Raps über die Robinie und Linde bis zu Seltenheiten wie Buchweizen, Beerenblüte oder Phacelia – die Bienen wissen die diversen Landschaften in Honig zu übersetzen." Seit 2019 kommt er mit seiner Imkerei Bien alle vier Wochen in die Markthalle Neun und verkauft, was das Bienenjahr hervorgebracht hat. Beides – das Imkern und der Markt – ist längst Routine geworden. Und doch ist es nie ganz dasselbe. Das gilt für den Wochenmarkt, und es gilt erst recht für die Bienen: Man lernt nie aus.

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Morgen — Frühling: Aufbruch

Ein Bienenvolk beginnt seinen Tag nicht wie die Metzger, Bäcker und Hausmeister mit dem Sonnenaufgang, sondern mit der Temperatur. Erst wenn es zweistellig wird, fliegen sie aus. Auch hier, am Samstagmorgen im März, schwärmen die Markthändler bei angenehmen zehn Grad aus ihren Produktions- und Lagerräumen: Buden werden bestückt, Gemüse verräumt, Teige angesetzt. Das Summen des Marktes beginnt leise und wird lauter.

In den Bienenstöcken draußen in Brandenburg spielt sich Ähnliches ab. Nach dem Winter – in dem das Volk als enge Kugel überwintert, im Innern gemütliche zwanzig Grad, egal wie kalt es draußen ist – erwacht es nun langsam. Die ersten Sammlerinnen fliegen aus, kehren mit Pollen zurück: Eiweiß für die Brut. Die Königin beginnt wieder zu legen. Das Volk wächst, von wenigen Tausend Tieren im Februar auf Zehntausende bis Mai. Was im Winter wie Stillstand aussah, war in Wirklichkeit Vorbereitung – all das erklärt unser Hallen-Imker ganz nebenbei, während er Bienenwachskerzen auf seinem Stand drapiert. 

Moritz kennt diesen Rhythmus seit Kindesbeinen – und nicht nur bei den Bienen. Aufgewachsen auf einem Demeter-Bauernhof im Schwarzwald, einem kleinen Milchviehbetrieb, der später zum Gnadenhof mit Therapiebetrieb wurde, hat er früh gelernt, dass Tiere ihre eigene Zeit haben. Mit sieben Jahren hatte er schon Schafe, Ziegen, Wachteln, Gänse, Hühner und Enten. Er melkte, verkäste, verkaufte Eier am eigenen Stand auf dem Hof. Den Marktstand kennt er also schon länger als die Imkerei.

Die Bienen kamen mit dreizehn, auf Vorschlag seines Vaters. Mit Bienen lässt es sich einfacher in den Urlaub fahren als mit Ziegen – ein schlagendes Argument. Die ersten zwei Stöcke kamen aus dem Kleinanzeigenheft, sein Imkergroßvater – so nennt man in der Imkerei den Lehrmeister – wurde ein Mann namens Sepp Weber. “Sehr aufregend war das. Viel Spaß hat’s gemacht.” erzählt er mit einer Schlichtheit, die verrät, dass er es noch immer genauso meint.

„Imkern ist etwas: Wenn man einmal anfängt, kann man nicht mehr aufhören. Die Bienen sind einfach faszinierend – die Art, wie sie miteinander kommunizieren ist einzigartig." Ihre Hauptsprache sind Pheromone, unsichtbare chemische Signale, die Stimmungen, Warnungen und Bedürfnisse durchs ganze Volk tragen. Und dann ist da noch der Schwänzeltanz: Eine Biene, die eine ergiebige Trachtquelle gefunden hat, tanzt deren Richtung und Entfernung in präzisen Bewegungen in die Wabe – eine Choreographie, die ihre Kolleginnen lesen und sofort umsetzen. Kein Lärm, kein Durcheinander. Er sagt das nicht wie jemand, der einen Slogan aufgesagt hat. Er sagt es wie jemand, der noch immer jedes Jahr am Stock steht und denkt: Das hatte ich noch nie. Das gibt's ja nicht.

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Mittag — Sommer: Die große Tracht

Die Markthalle füllt sich. Der Geruch von warmem Wachs und süßem Honig liegt über dem Stand, während das Sonnenlicht durch die Gläser fällt und goldene Flecken auf das Holz wirft – wer da keinen Appetit bekommt. Auch hier läuft die Kommunikation ohne große Worte: Um zwölf Uhr kommt Alp Ocak von Agustos vorbei – Anwalt für soziale und ökologische Gerechtigkeit, Haselnuss-Aktivist, und an diesem Morgen ein ähnlicher Sonnenschein wie die Gläser auf dem Tisch. Er holt ein paar Gläser Nüsschen-Bienchen ab – jene kleinen Gläschen, die Moritz mit Alps bio-diversen, de-kolonialisierten Haselnüssen und seinem eigenen Honig befüllt. Werner vom Kräuterstand am anderen Ende der Halle nimmt Honig für seinen Essig und Senf mit. Kein Lärm, kein Durcheinander. Der Markt ist ein Netzwerk, das nutzt, was da ist, und das Beste daraus macht.

Genauso kooperativ und präzise funktioniert der Bienenstock. Was ihre Bewohnerinnen draußen finden, heißt in der Imkerei Tracht – alles, was die Landschaft hergibt: Nektar, Pollen, Harz, Wasser. In Brandenburg, wo Moritz seine Völker hält, reißt dieses Angebot von Frühjahr bis Spätsommer kaum ab. Auf den Raps folgt die Robinie, auf die Robinie die Linde. Die Robinie ist eigentlich eine invasive Art, aus Nordamerika eingeschleppt – aber sie ist so fest in der Landschaft verankert, dass sie längst dazugehört, vor allem für die Biene. Tausende Völker werden eigens für die Trachtzeit aus ganz Deutschland nach Brandenburg gebracht. „Traumgebiet", sagt Moritz.

Aber er sucht auch abseits der bekannten Pfade. Buchweizen baut fast niemand mehr an – man muss die Felder regelrecht aufspüren. Im Baruther Urstromtal stehen seine Völker zur Beerenblüte: Aronia, Stachelbeeren, Johannisbeeren. Die Bauern freuen sich über die Bestäubung, er über den Honig. Eine Zusammenarbeit, so alt wie die Landwirtschaft selbst.

Im Hochsommer ist das Volk auf bis zu sechzigtausend Tiere angewachsen und steht unter einem eigentümlichen Druck: Der Schwarmtrieb. Die alte Königin will ausziehen, mit einem Teil des Volkes einen neuen Staat gründen – das ist der Weg, auf dem Bienen seit Millionen von Jahren ihren Fortbestand sichern. Als Imker verhindert Moritz das nicht brutal, sondern er kommt dem Volk zuvor: Er teilt es selbst, zum richtigen Zeitpunkt, bevor der Schwarm sich selbst entscheidet. Dann heißt es: ernten, schleudern, sieben – alles im richtigen Moment, denn die Biene wartet auf niemanden.

„Die Biene übersetzt Landschaft", sagt Moritz, während er einem Kunden die Unterschiede zwischen zwei Gläsern erklärt. Es ist einer jener Sätze, die mehr sagen, als sie auf den ersten Blick versprechen. Jedes Glas auf dem Stand ist ein Abbild: eines Ortes, einer Jahreszeit, einer bestimmten Blüte in einer bestimmten Landschaft. Wer den Unterschied schmeckt – und man schmeckt ihn, immer – versteht, was Vielfalt wirklich bedeutet.

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Nachmittag — Herbst: Die Ernte

„Ach, das schmeckt ja wirklich alles unterschiedlich. Hätte ich nicht gedacht."

Moritz hört diesen Satz oft, und er freut sich jedes Mal. Meistens kaufen die Leute eins oder zwei Gläser und schauen dabei so, als hätten sie etwas entdeckt, das sie schon immer kannten. Wie Honig aus meiner Kindheit, sagen manche. Es ist vielleicht das schönste Feedback, das man für seine/oder die jahrelange Arbeit bekommen kann.

Dabei ist der Honig, den Moritz verkauft, eigentlich ein Nebenprodukt. Den Großteil des Eintrags behalten die Bienen ohnehin für sich: Während der Saison werden sie nicht zugefüttert, sie leben ausschließlich von dem, was sie selbst gesammelt haben. Aus Nektar, Pollen, Propolis und Wasser stellen sie ihren Futtersaft her, aus dem konzentrierten Nektar wird der Honig. Was am Ende der Saison über den Winterbedarf hinaus im Stock liegt – das ist es, was geerntet werden kann. 

Für den Winter, den die Bienen als Volk überstehen müssen, wird der Vorrat mit Zuckersirup ergänzt. Ein Volk braucht ausreichend Futter, um die kalten Monate zu überstehen. Moritz achtet dabei auf jedes Detail – noch über die Bio- und Naturland-Bestimmungen hinaus. Keine Styroporkästen, nur Holz. Keine synthetische Chemie. Der Honig schonend erwärmt, nie über 38,5 Grad – dieselbe Temperatur, bei der die Biene ihren Honig selbst verarbeitet. Zwischen vierzig und achtzig Prozent des weltweit gehandelten Honigs sind gefälscht, gestreckt mit Reissirup oder Zuckerlösungen. „Ich stehe hier persönlich.", sagt er. „Das gibt einen anderen Draht zum Produkt, eine andere Transparenz, die kein Supermarkt schaffen kann."

“Als Imker ist man, sagt er mit einem kleinen Lächeln, meistens ein bisschen komisch". Man verbringt viel Zeit allein mit seinen Völkern, redet wenig darüber, versteht umso mehr. Da ist der Markt etwas anderes – ein Ort, an dem man teilen kann: das Produkt, das Wissen, die stille Freude, wenn jemand zum ersten Mal begreift, dass Honig nicht gleich Honig ist.

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Abend — Winter: Saison- und Marktende

Gegen Ende des Markttages wird es ruhiger. Die Gläser, die noch da sind, stehen ein bisschen einsamer im Licht. Moritz spricht mit den letzten Kunden – erklärt, warum der Buchweizenhonig so dunkel ist, was Phacelia eigentlich ist, warum dieser Winter so gut war für die Völker. Es gibt immer etwas zu erklären. Das gehört dazu.

Draußen in Brandenburg neigt sich das Bienenjahr dem Ende. Buchweizen und Sonnenblume sind die letzten Blüher; wenn sie verblühen, beginnt eine andere Art von Arbeit. Die Winterbienen, die jetzt gezüchtet werden, sind keine gewöhnlichen Sammlerinnen. Sie werden anders gefüttert und leben deutlich länger als ihre sommerlichen Artgenossen – sie sind auf Überwinterung ausgelegt, nicht auf Produktion. Wenn der letzte warme Tag vorbei ist, zieht sich das Volk in seine Kugel zurück. Im Innern: gemütlich warm, wie immer. Jede Biene trägt ihren Teil zur gemeinsamen Wärme bei.

Was von außen nach Stillstand aussieht, ist in Wirklichkeit ein Zustand konzentrierter Bereitschaft. Die Waben werden gebaut, die Vorräte gesichert, das Volk hält sich warm. Im Januar, wenn die Temperaturen auch nur kurz zweistellig werden, fliegen die ersten wieder aus.

Rund um Moritz räumen auch die anderen Händler*innen ein. Kisten werden gestapelt, Tücher über Theken gezogen, Reste verstaut. Wer genau hinschaut, sieht kein Ende, sondern dasselbe, was im Bienenstock passiert: Vorbereitung. In wenigen Tagen steht hier wieder alles, als wäre es nie weggewesen.

Moritz schließt die letzte Kiste. Er wird wiederkommen, mit neuen Gläsern und demselben Staunen. Das Soziale, die Gemeinschaft, das gemeinsame Schaffen ohne Dirigenten und ohne Plan – das ist es, was ihn seit Jahrzehnten an den Bienen hält. Und vielleicht auch am Marktgeschehen. 

Der Markt schließt. Doch weder Markthalle noch Bienen machen eine Pause. 

Noch Fragen offen? Auf dem Naschmarkt International, am Sonntag, den 29.03. gestaltet Moritz zusammen mit Imkerin Anna aus dem Kulturverein Markthalle Neun das “Exponat Süssigkeit” – in dem Honig unter verschiedenen Aspekten unter die Lupe genommen wird. Hier gibt es mehr Infos! 

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