„Wir wollen einfach, dass es gut schmeckt“

„Wir wollen einfach, dass es gut schmeckt“

Man muss nicht unbedingt wissen, dass es in Berlin einen Mischlingsrüden gibt, der Rocket heißt, und eine Katze namens Basil. Dass es dieses Rocket + Basil in der Lützowstraße gibt, das allerdings ist gut zu wissen. Dahinter stecken Sophia und Xenia von Oswald, die man schon von ihrer vollmundigen Popup-Küche das Brunch kennen könnte. Haben die beiden damals vor allem ihre Jugend in Australien aufgetischt, dominieren im Rocket + Basil nun die Einflüsse mütterlicherseits: die persische Küche. Vor allem aber geht es Sophia und Xenia von Oswald um ein Überwinden der allzu strikten, allzu einfachen ethnischen Zuschreibungen. Oder besser: „Wir wollen einfach, dass es gut schmeckt.“

Sophia, Xenia, ihr habt, mitten im höchsten Sommer, ausgerechnet ein Schmorgericht auf der Karte. Hühnchen, dazu persischer Reis mit der Knusperkruste Tahdig, Salat und etwas Gurken-Minz-Joghurt. Warum funktioniert das so gut?
Sophie: Ein entscheidender Punkt sind die frischen Kräuter, die immer auch etwas Ätherisches haben.
Xenia: Zudem hat das Gericht wenig Fett, und viel Zitrone. Aber entscheidend sind die Kräuter, die in der persischen Küche ja viel mehr als bloß ein Gewürz sind.
Sophie: Sie sind eine vollwertige Zutat, so wie Gemüse oder Salat.
Xenia: Witzigerweise gibt es hin und wieder noch immer Gäste, die die Kräuter erstmal zur Seite räumen. So wie diese komische Petersilie, die lange Zeit in Deutschland immer eher als Deko auf dem Teller lag.

Ist es denn leicht, hierzulande an persische Kräuter zu kommen?
Sophie: Vor allem frische persische Kräuter sind tatsächlich ein Problem. Im Gegensatz etwa zu den Levante-Küchen hat sich die persische Küche in Berlin ja noch nicht wirklich etabliert, das merkt man auch im Einkauf.
Xenia: Dabei kochen wir ja gar nicht traditionell persisch, es ist einfach das Essen unsere Mutter, das wiederum das Essen ihrer Mutter ist und so weiter. Und dann schmecken da noch unsere Biografien mit rein, die Zeit in Australien oder etwa in London.

Aber wollen die Gäste nicht viel lieber ganz klare Schubladen? Ihr seid jetzt halt dieses neue persische Deli ...
Sophie: Kürzlich hatten wir einen Gast, die überhaupt nicht nachvollziehen konnte, wie wir die Einflüsse mischen. „Eingelegte Zitronen kommen aus Marokko, das geht doch nicht.“ So ging es die ganze Zeit. 
Xenia: Wir machen vor allem eine Küche, die uns selbst schmeckt und die für uns spannend ist. Dass da eine aufrichtige Beschäftigung mit unseren persischen Wurzeln mitschwingt, ist auch klar.

Ach übrigens: Mindestens Rocket, der Rüde, ist hin und wieder auch mal in jener nach ihm benannten Lokalität zu gegen.

Rocket + Basil
Lützowstraße 22, Tiergarten
Di–Fr 9–12 Uhr
Sa & So 10–16 Uhr (Brunch)

Einen Gedanken säen

Einen Gedanken säen

Von der Gemeinschaft haben wir Euch ja schon erzählt. Dem Zusammenschluss von Lebensmittelproduzent*innen, Köch*innen und Gastgeber*innen, denen es darum geht, ihre Küche vom Acker aus zu denken und (wieder) eine emotionale wie praktische Nähe zwischen Feld und Topf aufzubauen. Um gemeinschaftliches Handeln geht es, um ein besseres Verstehen. Und wie könnte das besser gehen als im direkten Austausch? Deshalb also: Ein Treffen, mehr noch ein Symposium, das inspiriert und ganz konkrete Vorschläge macht. Für kreative Wege in der Landwirtschaft und in der Gastronomie. Für Kreisläufe, natürliche und wirtschaftliche. Am 9. September, auf Gut Kerkow in der Schorfheide kommen all jene zusammen, die etwas anders machen. Mit Gästen, wie Jack Algiere vom Stone Barns Center for Food & Agriculture nördlich von New York, der sich als Landwirt auf die Suche nach und Kultivierung von Geschmack gemacht hat. Mit Gärtner Olaf Schnelle und Koch Felix Schneider vom ganz und gar wunderbaren Sosein in Franken, die sagen: "Wir müssen reden": Was will ein Koch vom Gärtner? Was kann ein Gärtner leisten? Was beinhaltete eine ökonomisch sinnvolle Kommunikation?
Und auch wir werden dabei sein. Also das Team unseres Lieferservice, der so viel mehr macht, als Kohlrabi über Land zu fahren und deshalb nun einen neuen Namen bekommt, der sagt, was ist: Plattform. Seit vier Jahren nämlich arbeiten wir gemeinsam mit unserem Netzwerk aus Erzeuger*innen und Köch*innen an einem neuen Wirtschaftsmodell. Eine lokale Plattform-Ökonomie, die auf dem Prinzip der Direktvermarktung, gegenseitiger Wertschätzung und transparenten Preisen basiert. Um eines geht es dabei gerade nicht: Um ein bloßes Abfragen der in „der Stadt" gerade gewünschten Produkte. Wir fragen umgekehrt, womit die Saison oder besondere klimatische Bedingungen gerade den Tisch gedeckt haben. Keine anonyme Großhandelei, sondern ein enger, reger Austausch. Stadt Land Food eben. Und genau darüber wie lokale Plattform-Ökonomien die ländliche Entwicklung revolutionieren, werden wir beim Symposium sprechen. Was bis dahin alles passiert im Netzwerk, auf der Plattform, das könnt Ihr ab jetzt auf einem eigenen Instagram Kanal verfolgen. 

Ihr wollt mit dabei sein beim Symposium? Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Deshalb: Bewerbt Euch bis zum 5. August online und lasst uns über Genuss sprechen, der nach Gemeinschaftsarbeit schmeckt.

Die Superheldenbande: Erlebnistouren für Schulklassen

Die Superheldenbande: Erlebnistouren für Schulklassen

Lebensmittel einkaufen ist das Eine, aber zu verstehen wo sie herkommen und wie sie hergestellt werden, das wollen wir Grundschulkindern mit unserer bunten Erlebnistour näher bringen.

Sag's durch die Blume: lokal blüht auf

Sag's durch die Blume: lokal blüht auf

Es gab da diesen Moment während ihrer Ausblidlung zur Floristin, da wusste Sophie Wiking ganz bestimmt, dass etwas mit ihr anders ist. Die Junge Frau aus Malmö war mit ihrer Berufschulklasse auf dem dortigen Blumengroßmarkt zu Gast. Rosen aus Kenia und eine Blütenpracht, die schon alle Weltmeere gesehen hatte. Ob es denn auf dem Großmarkt auch biologisch angebaute Blumen gäbe, vielleicht sogar aus der Region? „Plötzlich haben mich alle angeguckt, als käme ich von einem anderen Planeten.“ Was, gemessen an der Art und Weise, wie und zu welchen und auf wessen Kosten Blumen global gehandelt werden ja irgendwie auch stimmt.
Inzwischen betreibt Sophie Wiking den charmanten Blumenladen Florista in der Malmöer Innenstadt. Und wenn sie jetzt nach der in Schweden typischen (Mit-)Sommerpause ihren Laden wieder eröffnen, kommen alle Blumen aus der Region. Und das sieht man ihnen an: Wilder gewachsen sind sie, feiner, subtiler in ihren Färbungen. „Jede Blume ist schön“, sagt die Floristin mit den einnehmenden Sommersprossen. Diese Schönheit ist es, weshalb die Kunden zu ihr kommen: „Was beim Fleisch oder Gemüse längst üblich ist, dass die Leute nämlich fragen, wo das herkommt und wie es gezüchtet worden ist, erlebe ich in meinem Laden so noch selten. Was ich aber merke ist, dass viele Kunden intuitiv merken, dass solche Blumen irgendwie natürlicher sind.“ Die Gärtnerin, von der Wiking die Blumen bezieht, ist übrigens genau so jung wie sie.   
Klar kauft Sophie Wiking auch mal auf dem Großmarkt ein, abseits der schwedischen Blütezeit. Dann fährt sie inzwischen nach Kopenhagen und guckt, dass ihre Pflanzen möglich kurze Reisewege hatten. Der Berliner Blumengroßmarkt fand sie übrigens „erschreckend“. Sophia Wiking war dort in Vorbereitung eines Workshops, den sie gemeinsam mit Maggie Coker gegeben hat, die mit ihren Trockenblumen auch schon bei unserem Flower Breakfast Market zu Gast war. Apropos: Auch Sophie Wiking schätzt die Markthalle Neun – ob unseres Blumenstandes, an dem schon realisiert wird, wovon die Schwedin noch träumt: eine eigene, saisonal-regionale Blumenzucht. Wenn Sophia Wiking im September wieder für einen Workshop nach Berlin kommt, werden wir Euch rechtzeitig davon erzählen.

Europa à la carte

Europa à la carte

Essen ist Identität. Ist Distinktion, sentimentale Erinnerungsarbeit – und schlicht eine physiognomische Notwendigkeit. Sage mir, was Du isst, und ich sage Dir, wer Du bist. Aber darum, wer wir sind, geht es ja sowieso im Museum Europäischer Kulturen in Dahlem, das in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag feiert. Bis dato waren dort die Europäischen Kulturtage immer einem regionalen Identitätsraum gewidmet, Friesland zum Beispiel oder der Stadt Thessaloniki. In diesem Jahr wird der Rahmen kleiner, und doch unendlich groß. Es geht um unsere Tisch- und Esskultur und mithin die Zukunft der Ernährung und der Gesellschaft an sich. Und es geht um die Geschichte unseres Essens, die schon immer eine der Kulturkontakte und des Austauschs war. Geboten werden Podiumsdebatten, Filmabende, Workshops und nicht zuletzt gemeinsame Mahlzeiten, den ganzen August hindurch. Wir freuen uns besonders auf den Kultursoziologen Daniel Kofahl, der über regionale Küchen in einer globalisierten Welt sprechen wird. Und werden uns anlässlich Gabriel Axels mit einem Oscar ausgezeichneter Gesellschaftsstudie Babettes Fest (Foto) über religiöse wie gesellschaftliche Essengebote und -verbote Gedanken machen. Zum kompletten Programm der Europäischen Kulturtage Europa á la carte bitte hier entlang.

Der Boden der Tatsachen

Der Boden der Tatsachen

2000 verschiedene Lebewesen findet man nicht in einem Buchenwald, an einem Brandenburger See oder in der Berliner Stadtnatur...sondern bereits in einem einzigen Quadratmeter Boden. Mit dieser Fülle führt der Wissenschaftsjournalist Florian Schwinn in sein, nein, unser aller Thema ein: „ Der Quadratmeter Boden beheimatet mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt.“ Es scheint also buchstäblich gut bestellt zu sein, um unsere Lebensgrundlage. Nein, umgekehrt wird ein Schuh draus: Sobald es dem Boden schlechter geht, und vielerorts geht es dem Boden schon sehr, sehr schlecht, wird auch überirdisch alles mühsam. Die Sache mit den Ernteerträgen, der Erosion, der Artenvielfalt und der Ernährungswende. „Der lebendige Boden ist von sich aus fruchtbar, man muss ihm nur zurückgeben, was man ihm weggenommen hat, dann ist der Boden ein System, dass sich selbst ernährt und dafür sorgt, dass alles Leben oberhalb dieses Bodens überhaupt möglich ist.“
Nur wimmelt es eben gerade von tatsächlich bodenlosen Tatsachen: Monokulturen, die den Boden auszehren. Oder eine industrialisierte Landwirtschaft, deren immer größerer, schwererer Maschinenpark Ackerflächen verdichtet. „Humus aufzubauen bedeutet ein ganz anderes Wirtschaften. Die Landwirtschaft, die wir zur Zeit fahren, ist eine Humuszerstörung, wir zerstören die Böden durch Erosion.“
Das nämlich ist der Kniff, die aus Florian Schwinns so grundsätzlicher wie großartiger Analyse, eine tatsächlich revolutionäre Handreichung macht: In der Bildung von Humus, der bekanntermaßen ein veritabler CO2-Speicher ist, sieht er eine Chance Zeit für die nötige Klimawende zu gewinnen. Was es dafür braucht? Eine andere, gemeinsame europäische Landwirtschaftspolitik. Bauern, die nurmehr so viele Tiere halten, wie sie aus den eigenen Erträgen ernähren können. Und einen Verzicht auf den Pflug und sowieso auf alle chemischen Hilfsmittel. Wissenschaftsjournalist Schwinn hat dafür im übrigen nicht nur ökologische Argumente: „Die Biobauern die nicht pflügen, sondern immer mulchen und den Boden bedeckt halten, die ernten den dicksten Wirsing.“
Rettet den Boden wiederum ist, wenn schon nicht das dickste (272 Seiten), so doch das gewichtigste Buch der Saison, Fragen der Landwirtschaft und mehr noch unserer Lebensgrundlagen betreffend. Eine ganz unbedingte Leseempfehlung.

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