Olaf Schnelle über die Zukunft der Landwirtschaft

Olaf Schnelle kennen wir schon eine Weile. Wir haben viel von ihm – und mit ihm – zum Beispiel beim Stadt Land Food Festival gelernt. Die Sache mit den Wildblüten, den Kräutern, die Alten Sorten, das rare Gemüse. Irgendwo im Hinterland der mecklenburgischen Ostseeküste gab es da diese Gärtnerei, die sich so viele Gedanken macht: Schnelles Grünzeug . Wie gut diese Gedanken schmecken, könnt Ihr in Berlin probieren. Im Nobelhart & Schmutzig , im Einsunternull oder in der Cordobar kommt Schnelles Grünzeug auf die Teller. Und weil Olaf in diesen Tagen den Grundstein für seine Fermentationswerkstatt legen konnte, wir also ohnehin zum Gratulieren vorbeigeschaut haben, hatten wir den perfekten Partner für den Auftakt unserer kleinen Interviewserie gefunden. In loser Folge erzählen uns Produzenten, Bauern oder Händler von nun an, worum es Ihnen geht, beim guten Essen, den fairen Produktionsbedingungen, dem Handwerk, dem Geschmack und den Verhältnissen.

Olaf, vor gut zehn Jahren warst Du uns als Essbare Landschaften erstmal begegnet, damals ein bio-zertifizierter Betrieb. Was hat Dich dazu bewogen diesen Weg nicht mehr weiter zu gehen?
Bis ins Jahr 2012 betrieb ich die Essbaren Landschaften. Die Gärtnerei war ziemlich einzigartig in Deutschland, sie war Lieferant der Top-Gastronomie – und sie war eine zertifizierte BIOLAND-Gärtnerei. Damals war das sicher wichtig und richtig. Warum ich mich also entschieden habe, mit dem Neustart mit Schnelles Grünzeug auf ein Bio-Siegel zu verzichten? Was ist denn die Botschaft, die heute noch hinter einen Bio-Siegel steckt? Der Bio-Begriff wird absurd, wenn ich im Januar Bio-Heidelbeeren aus Chile kaufen kann.

Weil also alles irgendwie Bio wurde, bis hin in die Discounter-Regale, ist von der Idee Bio schließlich nicht mehr viel geblieben?
Und es bleibt mehr als fraglich, wenn man unter „bio“ zunehmend nur eine ökogeschönte Fortführung der industriellen Landwirtschaft versteht. Das reine Fortlassen von Antibiotika, Wachstumsregulatoren, Herbiziden und so weiter reicht eben nicht.

Spricht da der Produzent Olaf Schnelle, der Genussmensch Olaf Schnelle ...
... es geht mir schon auch um eine Verantwortung im größeren Maßstab. Wenn die Welt künftig satt werden soll – und das soll sie auch – kann es nicht zielführend sein, sich genussvoll in seinem Biotop der kulinarischen Köstlichkeiten einzurichten. Die Klimakatastrophe und der Artenschwund sind genau so bedrohlich für die Existenz der Menschheit wie der Hunger. Das ist das Thema, dem ich als Gärtner begegnen muss.

Wie kann das gelingen?
Ich möchte einen Gartenbau, eine Landwirtschaft, die mehr ist als nachhaltig. Es genügt nicht, der Natur nur das zu entnehmen, was auch wieder nachwächst. Eine wirklich zeitgemäße Landbewirtschaftung sollte das Ziel haben, das Land fruchtbarer und artenreicher und, ja, auch profitabler zurückzulassen. Die Permakultur ist da ein spannender Ansatz, der leider in Deutschland noch nicht professionell umgesetzt worden ist. Dafür gibt es spannende Projekte in den USA, Skandinavien, auch auf dem afrikanischen Kontinent.

Es geht um nicht weniger, als Landbau und Landwirtschaft von der Wurzel neu zu denken?
Spannend finde ich auch die recht jungen Forschungen des Savory Instituts , das in einer spezifischen Form der Weidehaltung einen Schlüssel für die Landnutzung der Zukunft sieht: Interessanterweise findet man in ursprünglichen Savannen und Prärien nämlich eine enorme Fruchtbarkeit, die auf mächtigen Humushorizonten aufbaut. Dieser Humus entstand durch das Zusammenspiel von Graslandschaft und dieser speziellen Art der Beweidung. Dieser Effekt ist kopierbar und auf unser Nutzvieh übertragbar – man kann es „ganzheitliches Weidemanagement“, nennen. Überhaupt: Ganzheitlich muss die Perspektive sein, aus der wir künftig auf alle Aspekte unserer Ernährung blicken.