In der Natur der Sache

Wir haben in den vergangenen Wochen viel über die Raw geredet, die weltweit entdeckungsdurstige Naturweinmesse, die am Sonntag und Montag zu uns in die Halle kommt. Heute reden wir mit einem der Naturweine macht. Aus Überzeugung. Und über Umwege. Michael Voelker hat gemeinsam mit seiner Frau Melanie Drese den Betrieb der Eltern im fränkischen Kitzingen übernommen. Und daraus 2Naturkinder gemacht.

Michael, wie bist Du zum Naturwein gekommen?
Übers Trinken, also über den Geschmack. Ich bin in einem ganz normalen mittelgroßen Betrieb aufgewachsen und konnte mit den Weinen nie wirklich viel anfangen. Noch weniger anfangen konnte ich mit den Mechanismen mit denen der Weinmarkt in meiner Jugend funktioniert hat: Wer hat das größte Weingut, wer die glamouröseste Vinothek. Ich habe Philosophie studiert, habe in London und in New York gearbeitet. Dann haben wir in London 2011 diesen Wein getrunken und wusstne nach einer Woche Recherche endlich auch, warum der so fantastisch war.

Du hast den Betrieb Deiner Eltern angesprochen. Wie schwer ist es plötzlich, zack, Naturweine zu machen?
Wir hatten das Glück schon rund 2,5 Hektar Bioweinberge zu haben, das war zwar auch eher noch Bio nach Rezept, aber der Hefebesatz war schon mal gesund und nicht kaputt gespritzt. Im konventionellen Weinbau, in dem eh nurmehr mit zugesetzten Zuchthefen gearbeitet wird, wäre sowas ja egal. Meiner Meinung nach ist aber gerade das das Entscheidenste beim Weinmachen: den Boden als Lebewesen zu begreifen. Die Arbeit im Keller spielt tatsächlich eine untergeordnete Rolle.

Alle Reden also übers Terroir, aber keine darüber was wirklich im Boden passiert?
Exakt. Es wird ein Riesenthema ums Terroir gemacht, hier bei uns in Franken gibt es sogar den so genannten Terroirwanderweg, aber keiner weiß um den Humus, auf dem die Reben stehen. Entscheidend ist das Bodenleben , sind die Mikroorganismen und das Pilzgeflecht, also die diese feinen sensorischen Adern, über die die Reben miteinander kommunizieren.
Nun ist gerade Deutschland ein Weinland, in dem die Definition von Weinen über bestimmte Charakteristiken etwa der Rebsorte unheimlich wichtig ist. Man verlangt geradezu da Allgemeingültige.
Das stimmt. Und diese Gewissheit fällt bei Naturweinen erstmal weg. Wir haben auch mit Sorten angefangen, von denen wir wussten, dass sie hier in der Region verlässlich funktionieren, Sylvaner vor allem. Aber, Du hast schon recht, die Rebsorte ist in der kleinen Naturweinwelt sicherlich weniger wichtig. Die schwierigsten Kunden sind deshalb auch die Männer um die Sechzig im Jacket, die sich über die Jahre ihr Bordeaux- und Rieslingwissen zusammengekauft haben und jetzt erwartbare Aromen erwarten. Wer Naturweine trinken will, der muss offen sein, neugierig.

Auch deshalb aktuell jener Generationenwechsel gerade unter den Sommeliers?
Und das ist ja in anderen Ländern noch extremer. Als ich zum ersten Mal mit dem zweiten Sommelier des Noma zu tun hatte, dachte ich, der ist vielleicht 16,17, er war dann immerhin 22.