"Ich versuche, einmal in der Woche acht Stunden Schlaf zu bekommen"

Die Markthalle, sie ist ein Experiment. Wir wollen starke regionale Netzwerke aufbauen, die die Stadt versorgen und die unseren Kiez bunter machen, als es ein überall gleiches Discounterangebot schaffen kann. Schließlich wird das in unserer Nachbarschaft am häufigsten beklagt: das Schließen der kleinen inhabergeführten Läden. Orte, mit persönlichem Kontakt und persönlichem Charisma. Und, nein, wir reden hier nicht von einer angeblichen „Bio-Bohéme“, sondern einer nachbarschaftlichen Kiezökonomie, die so viel mehr sein kann, als bloßer Ort des Konsums.

Einer solcher Ort ist der Multi-Kulti-Supermarkt am Eingang zur Markthalle in der Eisenbahnstraße. Muhammet Oruc Görür, von allen Mo genannt, führt den Laden gemeinsam mit seinem Vater. Und hat über die Jahre ein überraschend vielfältiges Sortiment angelegt, in dem er seinen Kund*innen einfach nur gut zugehört hat. Selbstgemachte türkische Pasten, klar, aber genauso süditalienischen Cima di Rapa. Warum sich Muhammet Oruc Görür keinen schöneren Job vorstellen kann, wieso er dennoch viel zu wenig Schlaf bekommt und was die Familie mit unserer Markthalle verbindet, darüber haben wir mit ihm morgens bevor das Marktgeschehen losgeht, gesprochen:

Mo, wie bist du zur Markthalle gekommen?
Ich komme hier aus der Gegend und bis '97 haben wir auch hier im Kiez in der Wrangelstraße gelebt. Mein Papa hat früher auch hier in der Halle gearbeitet, im Obst und Gemüse Bereich und er hat das ganze hier gelernt damals. Wir sind dann aber weggezogen in die Gräfestraße und jetzt nach 20 Jahren zurückgekommen, weil es die Chance gab, den Laden zu übernehmen.

Wie läuft euer Alltag ab? Wie kommt die Ware zu euch in den Laden?
Mein Papa und ich, wir teilen uns die Schichten etwas auf, ich mache zum Beispiel immer die täglichen Einkäufe. Dazu gehört auch nachts um zwei auf den Großmarkt zu fahren. Danach komme ich erst morgens um fünf in den Laden zurück, dort räume ich die ganze Ware ein und beliefere auch noch andere Händler und Restaurants. Erst gegen sechs übernimmt mein Vater die Schicht und ich fahre für ein Schläfchen nach Hause.
Dabei versuche ich mindestens einmal in der Woche acht Stunden Schlaf zu bekommen.

Was verkauft ihr alles in eurem Laden? Was ist euer Sortiment?
Unser Ziel ist es einen komplett multikulturellen Laden aufzubauen. Ich möchte nicht der “typische türkische Verkäufer” sein, der nur türkische Produkte in seinem Laden verkauft. Ich versuche lieber von allem etwas zu haben. Meine Kunden kommen von überall aus der Welt und ich möchte für jeden etwas anbieten können. Zum Beispiel für die Italiener habe ich im Sommer “Cima di Rapa” da, die freuen sich total darüber.

Und wie stehst Du zu der Diskussion um ALDI?
Tatsächlich hatte ich als damals ALDI umgebaut hat, mindestens 40 Prozent mehr Umsatz. Es wurden mehr von meinen frischen Lebensmitteln gekauft, also Obst & Gemüse, aber auch von meinem Trockensortiment und aus der Kühlvitrine. Denn viele der Produkte, die ALDI anbietet haben auch wir im Laden stehen! Klar, vieles davon ist bei uns ein paar Cent teurer, aber nicht unbedingt im Vergleich zu anderen Läden und es ist immer total frisch! In Zukunft werde ich mein Sortiment auf jeden Fall auch noch ausbauen und auch frische Milch & Sahne anbieten.

Was macht den Multi-Kulti Supermarkt in deinen Augen besonders?
Wir sind ein kleines Familienunternehmen und gehören zu keiner großen Kette, das ist etwas besonderes. Dazu kommt die Art und Weise, wie wir mit unseren Kunden umgehen. Viele unserer Kunden zählen mittlerweile zu unseren engeren Bekannten und Freunden. Manchmal kommen sie bei uns vorbei und wir trinken gemeinsam einen Tee, dann wir quatschen ein bisschen. Außerdem läuft bei uns immer Musik, das gefällt vielen.
Ich führe auch eine Liste für meine Kunden, die spezielle und außergewöhnliche Wünsche haben und das schreibe ich mir dann auf und am nächsten Tag ist es schon da.

Dein Vater hat schon Jahre vor der Neueröffnung 2011 in der Markthalle gearbeitet, inwiefern hat sich denn für euch der Kiez geändert?
Wenn ich jetzt 20 Jahre nach hinten blicke, hat sich einiges geändert. Es gibt heute viel viel viel mehr Vielfalt an Menschen hier in der Nachbarschaft. Das mag ich an Kreuzberg: Es gibt nicht nur eine Art Menschen, sondern verschiedene Menschen.

Was ist das beste an deinem Job?
Keinen Chef zu haben, der mich rumkommandieren kann.
Und wenn ich jemanden glücklich machen kann, dann bin ich auch selber glücklich. Das Lächeln von den Kunden, das macht meinen Tag besser.
Ich arbeite 17 Stunden pro Tag, das kann ich nur, weil mir die Arbeit so viel Spaß macht.