„Glyphosat ist nur die Spitze des Eisbergs“

Wir müssen reden: Antje Kölling, politische Sprecherin des demeter e.V.

Frau Kölling, was ist für Sie dramatischer: Fünf weitere Jahre Glyphosat oder die Erkenntnis, wie gering der Reformwille in der konventionellen Landwirtschaft ist?
Das Verhalten von Herrn Schmidt hat das Vertrauen in unsere Demokratie sicher nicht gefestigt. Dass wir aber überhaupt über Glyphosat diskutieren müssen, ist leider Ausdruck des geringen Reformwillens in der Landwirtschaft. Eigentlich ist es ein Skandal, dass es bereits EU-Vorschriften gibt, um den Pestizid-Einsatz zu reduzieren, die von der konventionellen Landwirtschaft nicht flächendeckend befolgt werden: vorbeugende Maßnahmen wie Fruchtfolgen, entsprechende Kultivierungsverfahren, Verwendung robuster Sorten und die Förderung von Nutzorganismen. Glyphosat ist ja nur die Spitze des Eisbergs.

„Wahrscheinlich krebserregend“, urteilte die Krebsforschungsagentur IARC über Glyphosat. Verkürzt die Verengung auf dieses eine Thema nicht die Debatte?
Inzwischen haben die Medien und auch viele Initiativen ihren Blick auch darauf gerichtet, was Glyphosat auf den Feldern mit unserer direkten Umgebung macht. Wo nichts mehr blüht, gibt es weniger Bienen und andere blütensuchende Insekten. Und damit weniger Singvögel. Die Biologin Rachel Carson hat bereits 1962 vor einem „stummen Frühling“ gewarnt – wir müssen weiterhin dafür kämpfen, dass diese Katastrophe abgewendet wird.

Was war überhaupt zuerst da? Glyphosat oder eine industrialisierte Landwirtschaft, die ein solches Mitte braucht?
Glyphosat hat mit Sicherheit die Industrialisierung der Landwirtschaft einen Sprung voran gebracht. Verschärft sehen wir das in Ländern, in denen Glyphosat-resistente Gentechnikpflanzen angebaut werden, wie den USA oder Spanien . Aber es ist nicht zu spät. Viele Bäuerinnen und Bauern, die auf „bio“ umstellen, zeigen: Entwöhnung ist möglich! Wer erfahren hat, wie der Betriebsorganismus ohne chemisch-synthetische Pestizide auflebt, will normalerweise auch nicht zurück zur „Spritze“ und damit auch zurück in die Abhängigkeit von Konzernen.

Was raten sie Menschen, die sich in ihrem Alltag, nicht zuletzt als Konsument, kritisch gegen Glyphosat positionieren wollen?
Selbst Gemüse und Salate anzubauen, ohne Chemie, im eigenen Garten, auf dem Balkon oder in Gemeinschaftsprojekten. „Bio“ zu kaufen und bei Händlern und Produzenten, Politikern und Landwirten kritisch nachzufragen. Und nicht zuletzt, sich zu engagieren, etwa in initiativen wie „Gemeinsam gegen Glyphosat“ .