Ein Brief an alle Nachbarn, Kunden und Gäste der Markthalle

Vergangene Woche haben wir angekündigt, dass im Laufe des Jahres spätestens im ersten Quartal 2020 ein dm-Markt auf der Fläche von ALDI in die Markthalle einziehen wird. Daraufhin haben wir viele Nachrichten und Mails bekommen, die wir in einem offenen Brief beantwortet haben. Hier könnt ihr ihn nochmal nachlesen:

Liebe Nachbarinnen und Nachbarn, liebe Kunden und Gäste,

wir haben uns dafür entschieden, den ALDI Markt bei uns in der Halle durch einen dm Drogerie-Markt zu ersetzen. Dies ist eine konzeptionelle Entscheidung, die wir gefällt haben um die Entwicklung des kleinteiligen Lebensmittelangebotes in der Halle zu stärken.
Viele von Euch haben sich nach der Ankündigung des Auszugs von Aldi an uns gewandt: Mit sehr persönlichen Mails, Nachrichten und Besuchen. Mit einem Engagement für den Kiez, das uns an die Energie von vor 10 Jahren erinnert, als wir gemeinsam mit der Nachbarschaft für den Erhalt der Markthalle als Wochenmarkt und gegen die Umwandlung in einen weiteren x-beliebigen Supermarkt gekämpft haben. Wir respektieren dieses Engagement!

Die Kündigung von ALDI richtet sich nicht gegen die MitarbeiterInnen der Filiale oder die MitarbeiterInnen in der Berliner Zentrale dieses Konzerns. ALDI hat uns bestätigt, dass aufgrund der Kündigung des Mietvertrages kein/e MitarbeiterIn seinen/ihren Job verlieren wird. Und genauso wenig richtet sich die Kündigung gegen die Kunden von ALDI. Wir teilen die Ängste vor Verdrängung und einer grassierenden Gentrifizierung. Wir sind jedoch überzeugt, dass Discounter und ihre Geschäftspraktiken keine Antwort auf diese Probleme bieten. Die wahren Kosten für die scheinbar so günstigen Preise im Discounter Regal zahlen andere, auf den Plantagen und Feldern, in Schlachthöfen und Fabriken – sie verschwinden nicht. Sie werden ausgelagert und exportiert – und müssen am Ende doch von uns allen getragen werden.

Durch den Auszug von ALDI aus der Halle muss niemand eine Unterversorgung durch Discountern hier in der direkten Nachbarschaft fürchten. Es gibt allein im Umkreis von zwei Kilometern der Halle vier weitere ALDI Filialen, mehrere Pennys, und einen Lidl Markt in 200m Entfernung.

Viele solidarisieren sich mit Kleingewerbetreibenden hier in der Nachbarschaft und versuchen die Schließung kleiner Läden und Betriebe aufzuhalten. Auch wir in der Halle setzen aktiv etwas gegen diese Entwicklung! Unsere Händler und Produzenten sind Menschen, die hier vor Ort kleine Unternehmen gegründet, sich als Bäckerinnen, Brauer, Metzger, als HändlerInnen und Gastronomen ihre Existenz aufgebaut haben. Die Markthalle, das sind und waren nie nur die drei Betreiber. Die Markthalle, das ist eine Gemeinschaft mit vielen Gesichtern, die hier jeden Tag arbeiten und leben. Insgesamt bieten sie und ihre kleinen Betriebe Beschäftigung für über 450 Leute!! Wir glauben daran, dass es genau die kleinen inhabergeführten Läden sind – nicht nur in der Markthalle selbst, sondern auch in den Straßen drumherum – die die Kiezstruktur stärken. Die Kreuzberg vielfältig und vielstimmig machen. Es muss gar kein Einkauf in der Halle sein – auch ein Einkauf beim Bäcker vor Deiner Tür hilft uns allen! Anders als beim Discounter bleibt das Geld, das man dort ausgibt hier im Kiez bei den Gewerbetreibenden – es ist ein Akt der lokalen Wertschöpfung.

Die Markthalle ist ein Experiment – unser Ziel ist es, machbare Alternativen zu einer industriellen Landwirtschaft und einem von wenigen Handelsriesen dominierten Lebensmittelmarkt aufzuzeigen. Wir wollen starke regionale Netzwerke aufbauen, die uns hier in der Stadt versorgen und die unseren Kiez durch ihre Vielfalt bunter machen, als es ein überall gleiches Discounterangebot schaffen kann! Die Wiederbelebung des Marktes ist ein kontinuierlicher, offener Prozess – mit Rückschlägen, aber auch ganz alltäglichen Erfolgsgeschichten. Wir stellen uns hier die Frage: Wie kann eine lebendige Markthalle im 21. Jahrhundert funktionieren?

Die Entscheidung für dm ist vor allem eine Entscheidung für die vielen kleinen Händler in der Halle und im Kiez! Durch dm schaffen wir ein ergänzendes Angebot für den Wochenmarkt. Eine Anregung und Einladung festzustellen, dass man saisonales Gemüse zu vergleichbaren Preisen auch auf dem Markt kaufen kann. Grundlage für unsere Entscheidung waren die Wünsche aus der Nachbarschaft, ein gutes Basis-Drogerieangebot mit Hygieneartikeln, Putzmitteln, Babynahrung etc. in der Halle zu schaffen. Ganz einfach weil es hier im Kiez fehlt. Wir haben mit dm besprochen, dass es zusätzlich eine große Auswahl an trockenen Lebensmitteln wie Mehl, Nudeln, Kaffee, Müsli & co gibt.

Wir sind zuversichtlich, dass der Markt in naher Zukunft von Montag bis Samstag ganztags eine Grundversorgung mit einem vielfältigen und – auch preislich gefächerten – Angebot an Obst- und Gemüse, Milchprodukten, Eiern, Brot und Fleisch bereithält.

In den letzten acht Jahren ist die Halle wieder zu einem vielfältigen und bunten Ort geworden, der über 450 Menschen einen Arbeitsplatz bietet. Diesen Weg gehen wir weiter und sind auch weiter offen für einen sachlichen und fairen Dialog mit der Nachbarschaft – dazu sind wir mit verschiedenen Nachbarschaftsvereinen und -initiativen im Austausch.
Denn wir glauben, dass es am besten ist miteinander statt übereinander zu reden.

Euer Markthalle Neun Team

Wir freuen uns über Eure vielen Zuschriften, Zweifel, Kritik, aber auch Freude über die Entwicklungen in der Halle und den Einzug von dm.
Zu einigen Vorwürfen, Fragen und Unterstellungen möchten wir euch antworten:

Die Frage ist: „Zunächst Transparenz: Wer genau hat warum ALDI gekündigt?“

Der Mietvertrag mit ALDI wurde am 1.1.2016 auf fünf Jahre bis zum 31.12.2020 abgeschlossen. Um auf die dynamische Entwicklung unseres Wochenmarktes reagieren zu können, wurde die Möglichkeit für eine vorzeitige Auflösung des Vertrags vereinbart.

Wir haben von diesem Kündigungsrecht Gebrauch gemacht und zum 31.7.2019 gekündigt. Durch die vorzeitige Auflösung des Mietvertrages steht ALDI eine Abstandszahlung zu, deren Höhe sich nach den von ALDI getätigten und uns nachzuweisenden Investitionen bestimmt. ALDI hat uns bestätigt, dass aufgrund der Kündigung des Mietvertrages kein/e Mitarbeiter*in seinen/ihren Job verlieren wird. Die Gründe für die Kündigung haben wir in unserem offenen Brief dargelegt. Es geht uns um die Stärkung des kleinteiligen Lebensmittelangebots in der Halle.

Der Vorwurf lautet: “Niemand im Kiez kann sich die Lebensmittel in der Markthalle leisten!”

Richtig ist: Neben Bio-Lebensmitteln gibt es auch ein Angebot an konventionellem Obst & Gemüse aus der Region, das – wenn in Saison – sogar günstiger ist als beim Discounter. Beispiel: Obst- und Gemüseanbau Kolkwitz aus Werder (Di + Sa) und Gemüsehof Baronick (Fr+Sa) aus dem Spreewald. Außerdem gibt es den Multi-Kulti Supermarkt (Mo-Sa), der täglich frisches und günstiges Obst & Gemüse anbietet.

Dieses Angebot möchten wir in Zukunft ausbauen und sind überzeugt, dass durch den Einzug von dm der Wochenmarkt gestärkt wird. Was wir nicht abdecken, sind industrielle Fertiggerichte und Tiefkühlprodukte. Aber wir liefern Hilfe und Ratschläge zum günstigen Kochen.

Der Vorwurf lautet: “Die Betreiber geben vor, eine “Halle für Alle” machen zu wollen!”

Der Slogan “Halle für alle” stammt von der Anwohnerinitiative Eisenbahn.MarktundKultur.Halle. Zitat Flyer vom 21. Januar 2011: “Die neue Markthalle IX soll wieder eine “Halle für alle” werden. KundInnen sollen preiswert und qualitätsvoll einkaufen können, HändlerInnen durch ihre Arbeit Einnahmen erzielen, von denen sie leben können. Es muss sich für alle rechnen!”.

Unsere Vision war und ist: Die Eisenbahnmarkthalle als echten, kleinteiligen, überdachten Marktplatz wiederzubeleben mit einer Vielfalt an Angebot und kulturellen Veranstaltungen. “Halle für alle” heißt für uns zudem, dass es für alle funktionieren und sich rechnen muss: Für die Kunden, aber auch für die Händler und Produzenten, die hinter den ehrlichen Lebensmitteln stehen.

Der Vorwurf lautet: “Das Versprechen war immer, dass der Aldi drin bleibt!”

Richtig ist: Unser Konzept sah von Anfang an eine Zukunft der Markthalle mit vielen kleinteiligen Unternehmen vor, die langfristig die Discounter ersetzen sollten. 2009 gab es eine öffentliche Ausschreibung der Stadt zum Verkauf der Halle. Dank des Engagements einer Anwohnerinitiative wurde die Halle nicht an den Höchstbietenden, sondern per Konzeptverfahren verkauft. Ziel und Grundkonsens dieser Ausschreibung war es, die Eisenbahnmarkthalle als kleinteiligen Marktplatz wiederzubeleben.

Alle 19 eingereichten Konzepte sahen (langfristig) eine Halle ohne Discounter vor. Unser Konzept wurde mehrheitlich gewählt; die Nutzungsbindung ist dem Kaufvertrag angehängt und ausschlaggebend für unsere Händler gewesen hier ihre Unternehmen zu gründen und haben insgesamt Beschäftigung für 450 Menschen geschaffen.

Die Frage ist: “Ist dm nicht auch nur ein weiterer Großkonzern, der in die Halle kommt?!“

Ja, dm ist ein großes Unternehmen, sogar Europas größter Drogeriemarkt. Die Philosophie von dm entspricht allerdings sehr viel eher der unseren. Dazu gehört die Unterstützung fairer Produzenten, zahlreiche soziale Projekte, und das Engagement des Gründer Götz Werner für ein faires Miteinander und die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). Wir haben mit Christiane von Roda von dm gesprochen, die für den DM Markt bei uns inder der Halle verantwortlich sein wird.

Vor allem ist die Entscheidung für dm aber eine Entscheidung für die vielen kleinen Gewerbe in der Halle und im Kiez! Wir sind überzeugt, dass durch das ergänzende Angebot von dm (Drogerie + Lebensmittel) zum Wochenmarkt unsere Händler*innen gestärkt werden.

Ein/e KommentatorIn schreibt: “Ich habe gehört, um den dm unterzubringen, muss auf dem Dach des ALDIs eine zweite Ebene eingezogen werden.”

Richtig ist: Wir prüfen zurzeit die baulichen Voraussetzungen für die Unterbringung des “Zentrum für gute Gemeinschaftsverpflegung” (das sogenannte Berliner “House of Food”). Das Schulungszentrum für Kantinenköche hat das Ziel, flächendeckend die Verpflegung in öffentlichen Einrichtungen (Kindergärten, Krankenhäuser & Pflegeheimen etc.) zu verbessern. Dies ist unabhängig von dem Einzug von dm. Über das Projekt haben wir bereits mit der taz gesprochen: Viele Köche verbessern den Brei, taz vom 15.01.2019

Der Vorwurf lautet:“Die Markthalle ist elitär und nur was für Reiche”

So wie bei Aldi Menschen mit viel und wenig Geld einkaufen, kaufen auch auf dem Wochenmarkt Menschen mit viel und wenig Geld ein. Natürlich ist auf dem Markt - auch preislich- die Vielfalt größer als beim Discounter. Und wer sich auskennt und mit der Saison kocht, kann sogar günstiger einkaufen als im Supermarkt.

Ein/e KommentatorIn schreibt: “Die Belegschaft von ALDI ist Anwohnern vertraut wie im Tante Emma Laden, den Betreibern aber total egal! Nicht mal über die Kündigung wurden sie persönlich informiert!”

Stimmt. Wir haben die Mitarbeiter nicht informiert. Das ist Sache des Arbeitgebers. Uns war wichtig, dass kein Mitarbeiter von Aldi gekündigt wird. Das wurde uns bestätigt. Und dm wiederum hat versichert, dass sie sich über Bewerbungen freuen, wenn jmd. von der ALDI Belegschaft gerne hier bleiben möchte.

Der Vorwurf lautet:“Die Anwohnerschaft wurde nicht über die Kündigung von ALDI informiert”

Unser Konzept für die Halle sah von Anfang an eine Zukunft der Markthalle mit vielen kleinteiligen Unternehmen vor, die langfristig die Discounter ersetzen sollten – darüber gab es eine öffentliche Abstimmung, bei der auch alle Anwohner ein Mitspracherecht hatten.

Ein/e KommentatorIn schreibt: “Vielen Dank für die Belehrung in einem offenen Brief!! Ich habe leider nicht das Geld, um “korrekt” einzukaufen! Und 200m sind für mich sehr viel!”

Wir haben mit dem offenen Brief unsere Gründe für die Entscheidung klarer gemacht. Um günstig einzukaufen muss man keine 200 Meter zur Lidl Filiale gehen. Auch auf dem Markt, im Multi-Kulti Supermarkt oder z.B. in der inhabergeführten Bäckerei gegenüber der Markthalle gibt es preiswerte Lebensmittel. Bei dm wird es neben Drogerieartikel auch Nudeln, Reis, Tomatendosen, Mehl etc. geben.

Wer den Einkauf bei einem Discounter bevorzugt, findet Lidl in der Zeughofstrasse, ALDIs am Heinrich-Heine-Platz, am Maybachufer, am Moritzplatz und in der East Side Gallery. Außerdem gibt es einen Penny in der Reichenbergerstraße. (Eine Karte findet ihr hier.)

Ein/e KommentatorIn schreibt: “Die Kündigung von ALDI ist eine soziale und ethnische Säuberung → früher wurde viel türkisch gesprochen, jetzt ist englisch hipp!“

Wir freuen, dass in der Halle neben deutsch, französisch, italienisch, türkisch, russisch, griechisch, portugiesisch, albanisch, arabisch auch englisch gesprochen wird. Vergleiche mit Völkermord finden wir völlig unangebracht. Die Halle ist offen für alle.

Ein/e KommentatorIn schreibt: “Denkt an eure Eltern / Großeltern, liebe Verantwortliche!!! Sprecht ihr mit ihnen über euer Tun? Und nicht nur zu Weihnachten am gedeckten Tisch. Wer seid ihr nur?”

Wir sind Bernd, Florian, Nikolaus und insgesamt über 450 Menschen, die hier arbeiten. Klar reden wir mit unseren Eltern über unseren Job und das nicht nur zu Weihnachten. Die freut, dass die Halle wieder bunt und lebendig ist. Und es gibt auch viele ältere Menschen, die hier neben ALDI auch bei unseren vielen Händlern einkaufen und das mit Freude tun.

Der Vorwurf lautet: “Wollt ihr die alte Nachbarschaft raustreiben aus dieser Markthalle? Bisher konnte man immer teils billig kaufen, teils bei den Händlern das richtig gute Futter. Das wäre nach Verschwinden von ADLI nicht mehr möglich! Die tolle Mischung macht den Charme der Halle teilweise aus!”

Die Halle ist offen für alle. Wir haben mit dm vereinbart, dass es neben den Drogerieprodukten zudem ein erweitertes Sortiment an Nudeln, Reis, Dosentomaten, Mehl etc. geben wird. Das ist eine gute Erweiterung zu dem stehenden Marktangebot. In Kombination entsteht so ein noch besseres und breiteres Angebot in der Markthalle. Unser Ziel ist es so noch mehr Leute als jetzt für die Markthalle zu begeistern.

Einige machen den Vergleich: “Die Laugenbrezel bei ALDI = 0,29€ Die Laugenbrezel bei Endorphina = 1,49€”

Die Bio-Brezeln von endorphina werden in Handarbeit in Neukölln hergestellt. Wir halten es für fair, dass von dem Preis einer Brezel der Bäcker, der Müller und der Landwirt leben müssen. Geht das bei 0,29€?

"Die teuren Hallenstände profitieren doch nur vom Tourismus. Lasst dem Kiez daher bitte den ALDI!“

Aldi für den Kiez und dm für die Touris?! Nein, das sehen wir anders. Gäste aus der ganzen Welt kaufen nicht bei dm und kaufen auch keine Karotten. Deswegen wollen wir ja das Sortiment durch den dm vielfältiger für die Menschen vor Ort machen. Umfragen zeigen, dass der Eindruck, die Markthalle hätte nur Touristen als Kunden, nicht wahr ist.

Der Vorwurf lautet: “Es geht den Betreibern der Halle doch nur um Maximalprofit!“

Richtig ist: Betreiber der Markthalle ist die Markthalle Neun GmbH. Sie vermietet Flächen an 25 inhabergeführte Gewerbebetriebe, die fest in der Halle ansässig sind, sowie hunderte zusätzliche flexible Marktstandbetreiber*innen. Wäre es uns um den Maximalprofit gegangen, hätten wir über Mietkonditionen mit ALDI verhandelt, wir haben aber eine konzeptionelle Entscheidung für dm getroffen. Durch den Einzug von dm und das ergänzende Angebot werden wir einen Impuls zur Stärkung des Wochenmarktes und auch für benachbarte Gewerbetreibenden geben.

Der Vorwurf lautet: Die Produkte in der Halle sind so teuer, weil die Mieten für die Händler so hoch sind!

Richtig ist: Die Miete eines Standes auf dem Wochenmarkt beträgt 30€/Tag. Das entspricht den üblichen Mieten auf anderen privaten Wochenmärkten. Wer einen dauerhaften Stand betreiben möchte, zahlt im Monat 390€ Miete. Das entspricht einer Wochenmiete von 90€. Die Logik dahinter ist folgende: Wer die ganze Woche mietet zahlt drei Tagesmieten. Wer also am Donnerstag, Freitag und Samstag Miete zahlt, kann am Montag, Dienstag und Mittwoch verkaufen ohne extra Miete zu zahlen. Daraus ergibt sich eine monatliche Miete von 65€/qm Standfläche (=3 Tage* 30€/6qm*4,33 Wochen). Im Vergleich zu normalen Ladenmieten beziehen sich die Angaben auf Nettoflächen (“laufende Thekenmeter”), da Verkehrsflächen, Toiletten, Eingangsbereich, Sozial- und Gasträume bereits mit drin sind. Die Miete ist im Einzelhandel ein wichtiger Kostenfaktor. Entscheidend sind aber – gerade auf Märkten – die Personalkosten.

Ein Vorwurf lautet: "Ihr sagt, es geht euch darum, die einzelnen Händler zu unterstützen, ich habe aber gehört der Gemüsestand „Von Beet & Baum“ wird von euch selbst betrieben. Geht es am Ende doch nur um Profit für euch selbst?““

Der Stand von Beet & Baum ist Teil der Markthalle Neun Plattform, die Produkte von einem großen Vetzwerk regionaler Produzenten*innen nach Berlin holt und damit zahlreiche Restaurants und Cafés überall in Berlin beliefert. Von Anfang an war es unser Ziel, dass es in der Halle auch unter der Woche Obst- und Gemüse gibt – und das auch in Bio-Qialität. Wir haben uns deshalb vor zwei Jahren entscheiden als Ergänzung zum Obst-und Gemüseanbau Kolkwitz aus Werder ein erweitertes Obst- und Gemüseangebot unter der Woche zu etablieren. Durch die im Vergleich zum Großhandel kleineren Struktur der Erzeugerplattform können regionale Bio-Produkte zum Teil kostengünstiger angeboten werden. Zusätzlich dazu gibt es tropisches Bio-Obst und Zitrusfrüchte, z.B. von Erzeugerkollektiven aus Süditalien, das sich viele auf dem Wochenmarkt gewünscht haben. Ein/e KommentatorIn schreibt: “Lidl ist keine Alternative! Insbesondere für alte Menschen macht die Entfernung einen großen Unterschied!”

Fakt ist: Der Multi-Kulti Supermarkt in der Eisenbahnstraße 42 bietet täglich frisches, günstiges Obst & Gemüse von 7-20 Uhr. Der dm wird zudem den täglichen Bedarf an Lebensmitteln, wie Mehl, Nudeln, Reis, Kaffee & Tee, Müsli, Öl & Essig, Brotaufstriche, Säfte, Saucen & co abdecken.

Der Vorwurf lautet: “Die Entscheidung ALDI zu kündigen wurde in kleinstem Kreis getroffen und ohne die Nachbarschaft zu befragen oder miteinzubeziehen!”

Fakt ist: Wir haben zum Einen 2010 unser Konzept für das Projekt Markthalle Neun in einer großen öffentlichen Veranstaltung vorgestellt und diskutiert, sowie für mehrere Wochen in der Halle ausgehangen.

Dieses Konzept sah von Anfang an eine Zukunft der Markthalle mit vielen kleinteiligen Unternehmen vor, ohne jegliche Discounter (ohne ALDI ab 2015). Dieses Konzept wurde mit einer großen Mehrheit gewählt, in der Nachbarschaft und von der Stadt. Zum Anderen haben wir im letzten Jahr einen Dialogworkshop durchgeführt.

Die Frage lautet:Welche Rolle spielt eigentlich Bernhard Lill?”

Die Markthalle wird von der Markthalle Neun GmbH betrieben. An dieser Gesellschaft sind wir drei, Florian, Bernd und Nikolaus bzw. unsere Familien zu gleichen Teilen beteiligt. Eigentümer der Immobilie ist die Markthalle Neun Verwaltungs UG & Co. KG. An dieser Gesellschaft ist neben uns dreien Bernhard als Minderheitsgesellschafter beteiligt. Als Minderheitsgesellschafter kann er also weder über die weitere Entwicklung der Halle noch den Verkauf der Halle alleine oder gegen unsere Willen entscheiden. Bernhard hat uns im Rahmen des damaligen Vergabeverfahrens ehrenamtlich beraten. Er ist heute als Einzelanwalt tätig. Als die Finanzierung im Sommer 2012 zu scheitern drohte, ist er auf unsere Bitte als Privatperson und Bürge gegenüber der Bank eingesprungen. Dafür waren und sind wir sehr dankbar! Zudem verfügt er über Immobilien Know-how, das wir selber nicht haben und das damals beim Verkauf der Halle vom Land Berlin auch explizit gefordert war. Es wird das Gerücht im Kiez verbreitet: “Das ist nur Immobilienspekulation! Die Halle soll für den Weiterverkauf schick gemacht werden!”

Falsch: Ein Weiterverkauf ist nicht geplant. Eine große Immobilie mit ALDI Filiale sehr viel attraktiver für Immobilienspekulanten als ein kleinteiliger Wochenmarkt. Letzteres war und bleibt unser erklärtes Ziel.

Ein/e KommentatorIn schreibt: dm zahlt viel mehr Miete, deswegen wurde ALDI gekündigt!

Richtig ist: Ja, dm zahlt mehr Miete als ALDI die letzten Jahre. Die Anpassung entspricht der Entwicklung von Discountermieten in Berlin in den letzten Jahren. Es gab keine Verhandlung mit ALDI über die Miethöhe, da wir uns konzeptionell für den Einzug von dm entschieden haben, um die kleinteilige Händlerschaft zu unterstützen. Wir versprechen uns davon eine Belebung des Wochenmarktes aus der Nachbarschaft. Vor allem unter der Woche.

Es wird behauptet: Der Vertrag mit dm ist noch nicht unterschrieben und die Mietfläche von dm würde deutlich größer.

Richtig ist: Der Vertrag mit dm wurde am 22.01.2019 unterschrieben. Der Vertrag regelt den Einzug von dm auf der derzeitigen Aldi-Fläche.

Der Vorwurf lautet: Ihr sagt, ihr wollt eure Händler unterstützen, allerdings sind am Montag fast keine Stände geöffnet – wo soll ich dann einkaufen?

Im Vergleich zu den sehr geschäftigen Wochenendtagen in der Halle ist der Montag in der Tat sehr ruhig. Das liegt vor allem daran, dass insbesondere eine kleinteilige Händlerstruktur nur nachhaltig funktioniert, wenn vergleichsweise viel Kundschaft zum Einkaufen kommt. Der Grund sind die aufgrund des höheren Personalaufwandes im Vergleich mit Discountern hohen Kosten der kleineren Strukturen. Zudem ist ein Sortiment von frischen Lebensmitteln auf einen relativ hohen Warenumschlag angewiesen, weil die Ware sonst schlecht wird. Bislang reicht die Kundschaft nicht aus, damit es sich für alle Stände lohnt jeden Tag zu öffnen. Damit sich das ändert nehmen wir die Sortimentsveränderung vor. Unser Ziel ist es, die Halle nachhaltig von Montag -Samstag zu beleben, damit man hier seinen gesamten Einkauf erledigen kann.

Der Vorwurf lautet: “Das Versprechen war immer, dass der Aldi drin bleibt!”

Richtig ist: Unser Konzept sah von Anfang an eine Zukunft der Markthalle mit vielen kleinteiligen Unternehmen vor, die langfristig die Discounter ersetzen sollten. 2009 gab es eine öffentliche Ausschreibung der Stadt zum Verkauf der Halle. Dank des Engagements einer Anwohnerinitiative wurde die Halle nicht an den Höchstbietenden, sondern per Konzeptverfahren für den Festpreis von EUR 1,15 Millionen verkauft. Ziel und Grundkonsens dieser Ausschreibung war es, die Eisenbahnmarkthalle als kleinteiligen Marktplatz wiederzubeleben. Alle 19 eingereichten Konzepte sahen (langfristig) eine Halle ohne Discounter vor. Unser Konzept wurde durch ein vom Land Berlin eingesetztes Expertengremium unter Beteiligung der Bezirks- und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ausgewählt. Zudem wurde bei einer öffentlichen Veranstaltung von einigen hundert NachbarInnen mehrheitlich für unser Konzept gestimmt; die Nutzungsbindung ist dem Kaufvertrag angehängt und ausschlaggebend für unsere Händler gewesen, hier ihre Unternehmen zu gründen und insgesamt Beschäftigung für 450 Menschen zu schaffen.

Die Frage ist: ALDI ist der letzte soziale Raum in der Halle! Wo soll sich der Kiez nach dem Auszug von ALDI treffen?

Richtig ist: Anders als Discountermärkte ist unsere Markthalle so konzipiert, dass vergleichsweise viel sozialer, d.h. öffentlich nutzbarer Raum vorhanden ist. Wir nutzen diesen Raum zum Aufstellen von Tischen und Bänken, bewirtschaften öffentliche Toiletten, einen Kinderspielplatz, eine Reparaturwerkstatt und kuratieren kulturelle Angebote. Es gibt verschiedene Bildungsangebote von Kinderkochen bis zum Wurstmachen-Workshop. Diverse Theaterproduktionen haben stattgefunden, politische Diskussionen, Buchvorstellungen und Lesungen. Die Christen feiern Heiligabend, die Muslime Iftar, Aleviten Gagan, und Juden ein Nosh Wochenende. Mexikaner feiern Ihr Totenfest, Griechen zur Finanzkrise Ihre Kultur, Japaner das Reisfest. Geflüchtete arbeiten, kochen und essen gemeinsam hier oder bauen ihr eigenes Catering-Unternehmen auf. Daran wird sich nichts ändern wenn Aldi auszieht. Jeder ist eingeladen, sich mit Ideen zur Nutzung einzubringen (gerne an info@markthalleneun.de). Viele der o.g. Nutzungen sind so entstanden.