Dieses Papier ist ungeduldig

Wir hatten einen Termin mit der Politik. Gestern, am 6. Februar 2018, hat die Markthalle Neun gemeinsam mit einer Genossenschaft von über 100 Berliner Unternehmen, die schon heute am Großmarkt ansässig sind, der Stadt Berlin ein Angebot zum eigenständigen Betrieb des Geländes an der Beusselstrasse überreicht. Denn Berlin braucht eine Ernährungswende. Und an dieser Stelle beginnt unsere Geschichte des Großmarkt 9.0.

Wie wird die Stadt morgen satt? Wir glauben, dass die Antwort auf diese Frage zunehmend in der Stadt selbst (und ihrem agrarisch geprägten Umland) zu finden ist. Zumal, wenn mit dieser Stadt Berlin gemeint ist. Und damit eine wachsende, sich im Kern wie an ihren Rändern verdichtende Millionenmetropole. Aber auch ein Ort, der wie kein Zweiter in Deutschland für ein Umdenken in unserem Ernährungsalltag steht. Berlin ist der größte Biomarkt Europas. Berlin ist auch ein Zentrum der kleinen, handwerklichen und innovativen Lebensmittelverarbeitungsbetriebe. Aber Berlin droht genauso, das Herz einer innerstädtischen Lebensmittelproduktion zu verlieren, den Bauch der Stadt.

Seit 1965 war und ist das der Großmarkt in der Beusselstraße. Ein florierender, vibrierender Lebensmittelumschlagplatz, der gegenwärtig mannigfaltigen Transformationsprozessen ausgesetzt ist. Die vier großen Lebensmittelkonzerne verteilen ihre Waren längst in Logistikzentren weit vor den Toren der Stadt, die Produkte – und ihre Wertschöpfung – sind alles andere als regional. Da haben wir, gemeinsam mit rund 100 auf dem Großmarktgelände ansässigen Unternehmen eine andere Vorstellung. Diese zum Interessengemeinschaft Lebensmittel- und Frischecluster Berlin zusammengeschlossenen Unternehmen wollen nicht weniger als den Großmarkt als Genossenschaft übernehmen. Wir als Markthalle Neun sind mit dabei, partnerschaftlich und vor allem mit eigenen Ideen, Diskursen, Vorstellungen. Denn diese Stadt braucht eine Ernährungswende. An dieser Stelle beginnt also die Geschichte des „Großmarkt 9.0“.

Dass der Berliner Senat um die Dringlichkeit eines solchen Projektes weiß, hat er bereits deutlich gemacht. Und im aktuellen Doppelhaushalt 2017/18 700.000 Euro für ein, so der Arbeitstitel, „House of Food“ bereitgestellt: eine Schnittstelle aus Lebensmittelhandwerk, Lebensmittellogistik und Lebensmittelwissen, mit dem Ziel etwa die Nachhaltigkeit und das Niveau der Gemeinschaftsverpflegung in Berliner Schulen oder Kantinen zu verbessern. Dass das funktionieren kann, zeigt das Madhuset in Kopenhagen. In der dänischen Hauptstadt kommt inzwischen 98 Prozent des Kantinenessen aus der biologischen Landwirtschaft, ohne dass nennenswerte Mehrkosten entstanden sind.

Also: Was will die Markthalle Neun auf dem Großmarkt in der Beusselstraße? Sie will dort weitermachen, wo eine historische Markthalle in einem innerstädtischen Wohnquartier an ihre Grenzen kommt. Handwerkliche und innovative Lebensmittelmanufakturen, Bäcker und Brauer, Käseaffineure und vertikale Gärtnerinnen sollen angesiedelt werden. Zudem soll der Großmarkt zur Scheune Brandenburgs werden, zur Schlüsselstelle zur erfolgreichen (Selbst-)Vermarktung kleiner und mittlerer landwirtschaftlicher Betriebe. Nicht zuletzt soll der Großmarkt auch zum Ort des Lernens und der Wissensvermittlung werden, ein Innovationscampus für Geist und Gaumen, schließlich muss die Stadternährung künftig ein zentrales Werkzeug der Stadtentwicklung sein.

Wir glauben daran, dass Veränderung durch den Magen geht. Und dass es möglich, ja notwendig ist, die ganze Stadt auf diese Reise mitzunehmen. Davon erzählt unsere Utopie des „Großmarkt 9.0“, als Bauch und als Hirn der Stadt.

Artikel zum Thema findet Ihr hier:

taz: "Neue Pläne für die Zukunft"
Der Tagesspiegel: "Interessensgemeinschaft will Großmarkt kaufen"
Berliner Zeitung: "Für 22 Millionen Euro 100 Händler wollen landeseigenen Großmarkt übernehmen"
Berliner Morgenpost: "Freundliche Übernahme"
Mit Vergnügen: "Groß, größer, Großmarkt: Die Markthalle Neun hat Pläne"