Die Dinge beim Namen nennen

Und dann sitzen wir vor Tellern, die eigentlich keiner Erklärung mehr bedürfen. Chicorée, Birne und Young Buck. Wobei letzterer, das darf vielleicht noch gesagt werden, jener fabelhafte und gar nicht schrille Blauschimmelkäse von Mike Thomson ist, der dabei ist, das Rohmilchkäsen in Nordirland wiederzubeleben. Oder Sellerie, Quitte, geräucherter Aal. Letzteren, aber auch das nur nebenbei, hat der Lieferservice der Markthalle von der Fischerei am Stechlinsee ins Barra gebracht. Diese beiden Teller jedenfalls, und sie sind exemplarisch für alles, was es im Barra zu essen gibt, wirken ganz leise und doch sehr selbstbewusst so, als seien die ganzen Verwirrspiele, der Zubereitungsschabernack und alle die erzählungsbedürftigen Fermentations-, Röst- oder Garverfahren einer neuen oder meinetwegen auch nordischen Küche nur das notwendige Vorspiel gewesen für einen Geschmack, der nun ganz bei sich
selbst bleiben darf. Chicorée, Birne und Young Buck eben. Oder Sellerie, Quitte und Aal. Jedes Produkt wird ernst genommen und nicht bloß zum Crumble oder Schaum, zum Aroma, verunglimpft. Und vor allem ist jedes Produkt extrem sorgsam kuratiert.
Barra, das sind Daniel Remers und Neil Paterson in der Küche, wobei der erstgenannte fast drei Jahre Küchenchef im Industry Standard in der Sonnenallee war. Zwei Briten also, was einiges erklärt. Und das ist Kerry Westhead an der Bar und all den Flaschen mit endeckungsdurstigen Naturweinen, exemplarisch ein beeindruckend lebendiger Baden Nouveau des jungen Weinguts Wasenhaus . Denn auch für die Weine gilt, was über die Küche schon gesagt worden war: keine Exzentrik nur um der bloßen Exzentrik willen, sondern eine im (noch) kleinen sehr, sehr große Karte. Da passt es, dass auch das Barra selbst, die Ära der Flohmarktmöblierung galant ausgelassen hat. Holz aus Schottland, schlicht verarbeitet. Lampen, die nicht nur sehr schön sind (vor allem die keramischen über dem Tresen) sondern auch ein ebensolches Licht machen. Und zwar genau dort, wo man es haben möchte.
Hier macht ein Lokal so vieles überzeugend richtig, dass es am Ende des Abends eben ein ganz nonchalanter geworden ist.

Barra
Okerstraße 2, Neukölln
Do-Mo ab 18.30 Uhr