Geschichte

1847 – Die Kartoffelrevolution

Es war die sogenannte Kartoffelrevolution, die die Berliner Stadtväter veranlasste, über den Bau von Markthallen nachzudenken. Diese Hallen sollten eine breitflächige Versorgung der wachsenden Bevölkerung mit preiswerten Lebensmitteln sicherstellen.
Im April 1847 war es zu Plünderungen und Massenprotesten in Berlin gekommen. Missernten hatten zu einer extremen Verteuerung der Lebensmittel geführt. Für Kartoffeln, das Grundnahrungsmittel der ärmeren Leute, musste der vierfache Preis gezahlt werden. Viele Berliner hungerten.
Schließlich wehrten sich auf mehreren Berliner Wochenmärkten Kundinnen gegen die Wucherpreise. Sie warfen die Stände um, zerschnitten die Kartoffelsäcke und bedienten sich, ohne zu zahlen. In den folgenden Tagen plünderten aufgebrachte Demonstranten Bäckereien und Fleischgeschäfte. Erst nach drei Tagen konnte das Militär die Unruhen beenden.

Die Kartoffelrevolution machte deutlich, dass die alten Versorgungsstrukturen für die schnell wachsende Stadt nicht mehr ausreichend waren. Armut und Hunger großer Teile der Bevölkerung waren die Kehrseite des rapiden Wachstums. Doch es bedurfte noch mehrerer Anläufe, bis 1886 in Berlin die erste Markthalle eröffnet wurde, in der Lebensmittel unter hygienischen Bedingungen angeboten wurden.
In dieser Zeit verdreifacht sich die Bevölkerung Berlins: 1849 lebten etwa 424.000 Menschen in der Stadt, 1890 hatte sie bereits mehr als 1,5 Millionen Einwohner. Die industrielle Revolution brauchte Arbeiter, für die in Kreuzberg die berühmt-berüchtigten Mietskasernen gebaut wurden.

Wochenmärkte und Höker

Im 19. Jahrhundert kauften die Berliner ihre Lebensmittel bei Hökern ein, also bei Bauern und Bäuerinnen aus dem Umland, die in der Stadt von Haus zu Haus gingen oder auf den Wochenmärkten der Stadt ihre Waren anboten. Um 1870 gab es 20 solche Märkte. Es waren primitive Verkaufsstätten: Viele Marktfrauen breiteten ihr Obst und Gemüse einfach auf dem Boden aus. Um die Stände der Fleischer kreisten Schmeißfliegen, das Blut der Schlachtwaren rann über das Pflaster. Fische schwammen in Holztrögen – oft mit dem Bauch nach oben. Gestank, Lärm und Verkehrschaos führten zu häufigen Beschwerden.

1881 beschloss der Magistrat unter Beteiligung des Arztes Rudolf Virchow ein Markthallenkonzept. Es waren zum einen die katastrophalen hygienischen Verhältnisse auf den Wochenmärkten, die auf diese Weise bekämpft werden sollten. Vor allem aber sollte eine stabile Versorgung mit preiswerten Lebensmittel gesichert werden.
Nicht zuletzt war es die Berliner Stadtbahn, die dies ermöglichte. Mit der Einweihung der neuen Gleisanlagen im Februar 1882 wurde eine schnelle und preiswerte Verbindung zu den großen in- und ausländischen Lebensmittelumschlagplätzen möglich.
Das Konzept sah die Errichtung einer Zentralmarkthalle mit Eisenbahnanschluss vor. Außerdem sollten mehrere dezentrale kleinere Stadtteil-Markthallen gebaut werden. Innerhalb von nur sechs Jahren wurde das Projekt realisiert.

1891 – Die Eröffnung der Markthalle IX

Am 2. Mai 1886 wurden die Zentralmarkthalle am Alexanderplatz sowie die ersten drei kleineren Markthallen eingeweiht. Bis 1892 entstanden die übrigen Berliner Markthallen. Insgesamt waren es 14 Hallen.
Damit war die Lebensmittelversorgung der Berliner gesichert. Sie konnten nun zu jeder Zeit und unabhängig von Witterungseinflüssen einkaufen. Leicht verderbliche Güter waren geschützt untergebracht und die Nahrungsmittel wurden gesundheitspolizeilich überwacht. Die Wochenmärkte wurden geschlossen.
Die kleineren Markthallen ließ der Magistrat in Gebieten mit großer Bevölkerungsdichte errichten. So auch die Markthalle IX. Am 1. Oktober 1891 öffnete sie ihre Tore. Kurz zuvor oder gleichzeitig mit ihr entstanden die Mietshäuser in der Eisenbahn-, Wrangel-, Muskauer-, Waldemar- und Pücklerstraße.

Die Markthalle IX liegt zwischen zwei Straßen, der Eisenbahn- und der Pücklerstraße. Sie erstreckt sich über mehrere Höfe. Die Fassaden der Kopfbauten sind reich geschmückt. Sheddach-Fenster sorgen für Tageslichteinfall und eine gute Belüftung.
Den damals modernsten hygienischen Standards entsprachen die Kühlmöglichkeiten im Untergeschoss und die Zufuhr und Entsorgung großer Mengen von Wasser. Außerdem war ein Fleischbeschauamt in die Halle integriert. Um einen flüssigen Warenverkehr zu ermöglichen, erhielt sie breite Tordurchfahrten, die auch Pferdefuhrwerke passieren konnten.
Die anderen Detailmarkthallen waren ähnlich gestaltet. Ihre Konzeption ging auf den Stadtbaurat Hermann Blankenstein zurück. Sein Mitarbeiter, der Architekt August Lindemann, war maßgeblich für die technischen und baulichen Details der Markthalle IX verantwortlich.

Dort hatten 300 Stände mit je vier Quadratmetern Platz. Schon im ersten Jahr nach der Eröffnung waren sämtliche Stände vermietet. Den Anwohnern bot sich in dem großen kathedralenartigen Bau eine bis dahin nicht gekannte Auswahl verschiedenster Lebensmittel dar.

Zwar mussten vier Hallen bis zum Ersten Weltkrieg wieder schließen, weil ihr Standort unrentabel war oder weil sie der Konkurrenz der aufkommenden Lebensmittelläden und Kaufhäuser nicht gewachsen waren. Doch die anderen Kleinhallen boomten. Das Einkaufen in den Markthallen mit ihrer großzügigen Architektur aus Eisenkonstruktionen, Lichthöfen und viel Glas, das in den wichtigsten europäischen Hauptstädten längst üblich war, fand großen Anklang. Nun war auch für die breite Bevölkerung die ganze Breite des damaligen Lebensmittelangebots zugänglich.
In der Markthalle IX wurden an 77 Ständen Fleisch, Wild und Geflügel angeboten. Fisch war an 18 Ständen erhältlich. An 210 Ständen konnten die Kunden Obst und Gemüse, Butter, aber auch Kolonialwaren, Gewürze und anderes einkaufen.

Blütezeit und Krisen

Obwohl die Standmieten in den Markthallen deutlich teurer waren als die auf den Wochenmärkten, machten die Händler gute Geschäfte. In den Hallen konnten sie ihre Ware jeden Tag und das bis in die Abendstunden anbieten und daher erheblich größere Umsätze als auf den Wochenmärkten machen.
Zwar mussten vier Hallen bis zum Ersten Weltkrieg wieder schließen, weil ihr Standort unrentabel war oder weil sie der Konkurrenz der aufkommenden Lebensmittelläden und Kaufhäuser nicht gewachsen waren. Doch die anderen Kleinhallen boomten. Das Einkaufen in den Markthallen mit ihrer großzügigen Architektur aus Eisenkonstruktionen, Lichthöfen und viel Glas, das in den wichtigsten europäischen Hauptstädten längst üblich war, fand großen Anklang. Nun war auch für die breite Bevölkerung die ganze Breite des damaligen Lebensmittelangebots zugänglich.
In der Markthalle IX wurden an 77 Ständen Fleisch, Wild und Geflügel angeboten. Fisch war an 18 Ständen erhältlich. An 210 Ständen konnten die Kunden Obst und Gemüse, Butter, aber auch Kolonialwaren, Gewürze und anderes einkaufen.

In den zwanziger Jahren ging es wieder bergauf. Die Wirtschaftskrise führte dazu, dass auch viele einst wohlhabende Berliner das günstige Angebot in den Markthallen nutzten. Seit Mitte der zwanziger Jahre waren alle Hallen wieder hundertprozentig ausgelastet.

Der II. Weltkrieg und die Folgen

Während des Zweiten Weltkriegs wurden von den zehn verbliebenen Markthallen acht völlig zerstört. Die Markthalle IX blieb lange unbeschädigt, erst im Februar 1945 wurde sie von einer Bombe getroffen. Teile des Kellers stürzen ein; es wurde von zwei Todesopfern berichtet. Trotzdem ging der Verkauf auf provisorischen Ständen weiter.

Nach dem Krieg wurden in West-Berlin nur drei Markthallen wieder in Betrieb genommen: die Markthalle IX, die Arminiushalle in Moabit (Markthalle X) und die Markthalle XI am Marheinekeplatz, die allerdings neu aufgebaut werden musste und erst 1953 wieder eröffnete.
Seit der politischen Teilung der Stadt Ende 1948 wurden die Hallen West-Berlins vom Senat verwaltet. Sie erhielten neue Kühlanlagen, die Beleuchtung mit elektrischem Licht wurde verbessert und Warmluftheizungen wurden installiert. 1951 feierte die Markthalle IX mit großem Aufwand und Politikpräsenz ihr 60. Jubiläum.
Allerdings hatte sie massiv unter den Folgen des Krieges zu leiden. Durch den Bombenangriff vom 3. Februar 1945, als Kreuzberg vier Tage lang brannte, waren ganze Straßenzüge in der Umgebung zerstört worden. Vor allem aber schnitt der Mauerbau 1961 die Halle IX von ihrem Hinterland ab. In der Folge geriet das Quartier in eine Randlage; wer es sich leisten konnte, zog weg. Dazu trug auch die „Kahlschlagsanierung“ bei. Sie führt dazu, dass viele Wohnungen leer standen oder nur befristet vermietet wurden – an ausländische Arbeitnehmer und Studenten, an Künstler und Alternative mit wenig Kaufkraft.

Zu den Strukturproblemen des Viertels kamen massive Veränderungen im Lebensmittelhandel. Supermärkte mit Selbstbedienung lösten die traditionellen Einzelhandelsgeschäfte ab und machten auch den Markthallen Konkurrenz. Bis 1976 gingen die vermieteten Flächen der Halle IX auf 60 Prozent zurück. Die Schließung drohte.

1977 – „Alles unter einem Dach“

Es waren ausgerechnet zwei Discounter, also eigentlich Konkurrenten, die die Markthalle IX retteten: 1977 kam ALDI in die Halle, 1981 zog Drospa ein. Das Konzept ging auf: Im Jahr darauf waren die noch verbliebenen 30 Stände wieder zu 97% ausgelastet.
Schon Ende 1969 war die Berliner Markthallen in das Eigentum der landeseigenen Berliner Großmarkt GmbH überführt worden. Gleichzeitig hatten die Händler eine Genossenschaft gegründet, die die Hallen mietete und in eigener Regie betrieb. Die Selbstverwaltung brachte den 30 Genossenschaftsmitgliedern erhebliche Kostensenkungen. Das Angebot konnte erweitert werden, in der Markthalle IX wurden auch Textilien, Schreib- und Spielwaren verkauft, sogar ein Schlüsseldienst wurde integriert. „Alles unter einem Dach“ war der Werbe-Slogan der Genossenschaft.

Doch der Umsatz stagnierte. In einigen Branchen fehlte es an qualifiziertem Nachwuchs. Für die Gemüsehändler beispielsweise begann der Arbeitstag gegen 3 Uhr morgens und er endet nicht mit Ladenschluss. Das macht nicht jeder mit. Klagen über häufige Wechsel der Standinhaber wurden laut, weil das den Hallen schadet. Deren größtes Plus ist die emotionale Bindung der Kunden, denen ein kleiner Schwatz mit vertrauten Händlern wichtiger ist als moderner Einkaufskomfort.

In der Halle IX kauften viele ältere Leute ein – das entsprach auch der Überalterung der Kreuzberger Einwohnerschaft. Mit einigen jungen Leuten, die in die Umgebung zogen, gab es häufiger Konflikte. 1987 reichte die Markthallenverwaltung beim Senat eine Beschwerde wegen mangelnder Sicherheit hinsichtlich der „autonomen Szene“ ein.
1991 wurde die inzwischen 100 Jahre alte Markthalle IX für rund 700.000 DM renoviert. 1994 eröffnete über dem Marktrestaurant ein kleines Hotel, das „Sandmann“, das sich jedoch nicht lange halten konnte. Ein Höhepunkt dieses Jahrzehnts war eine Ausstellung von vier Künstlerinnen über die Markthalle im Jahr 1995.

2000–2011 – Verfall und Verkauf

Aber „Alles unter einem Dach“, das stimmt immer weniger. Die Situation wurde immer prekärer, viele Stände standen leer. 2003 löste sich die Genossenschaft auf. Im gleichen Jahr vermietete die Berliner Großmarkt GmbH große Flächen der Markthalle IX an den Textildiscounter KIK. Lösungen für die Probleme der Standmieter fand sie nicht. Stattdessen beschloss sie den Verkauf der Halle. Ein „Modernisierungs- und Instandhaltungsrückstau ist deutlich zu erkennen“, hieß es in der Ausschreibung. Bei der Renovierungsplanung war die Markthalle am Marheinekeplatz vorgezogen worden.
2001 begann sich die Anwohnergruppe Lausitzer Platz für die Halle zu engagieren; sie sollte zehn Jahre lang für ihre Rettung kämpfen.
2007 wurden Pläne bekannt, dass aus dem preußischen Klinker- und Gusseisenbau an der Eisenbahnstraße ein orientalischer Basar mit Ständen für Gewürze, Goldschmuck und Teppichen werden soll. Dafür sollten die Standmieten auf 60 Euro pro Quadratmeter verdoppelt werden. Das stieß auf öffentliche Kritik.
Auch gegen den Verkauf der Halle an einen Bieter, der dort einen Supermarkt installieren wollte, wandte sich die Anwohnerinitiative Eisenbahn.MarktundKultur.Halle. Unermüdlich mobilisierte sie Künstler und Zwischennutzer, Politiker und Händler in der Umgebung. Ihr ist es zu verdanken, dass die Pläne, die Halle meistbietend zu veräußern, 2010 gestoppt wurden. Stattdessen wurde die Halle zu einem Festpreis von 1,15 Mio. Euro angeboten. Die Bewerber mussten ein Konzept vorlegen, das kleinteiligen Handel sowie kulturelle und soziale Angebote vorsah.
Die Projektgruppe Markthalle Neun bekam schließlich den Zuschlag. Sie hatte seit Anfang 2009 die zahlreichen Veranstaltungen der Initiative unterstützt und legte ein Nutzungskonzept vor, das den Interessen der organisierten Anwohner entsprach.