Tischlein deck dich

Tischlein deck dich

Die Schneiderei ist momentan einer dieser Läden, in dem die Köche dieser Stadt an ihren freien Tagen essen. Das ist schon mal ein profundes Kompliment. Dabei ist Liron Schneider selbst lange gar kein Koch gewesen. In Tel Aviv hatte er Film studiert, war Kameramann und überhaupt in den Medien tätig. Vor eineinhalb Jahren stand der Israeli dann auf dem Street Food Thursday bei uns in der Halle – mit gerösteten Milchbrötchen. Gefüllt mit zartem Lammragout und Harissa oder mit einem wunderbar schlonzigen Fishstew.
Nun ist Liron Schneider mit seiner Schneiderei sesshaft geworden. Und wer jetzt meint, es mit einem weiteren Exil-Israeli zu tun zu haben, mit Hummus, Shakshuka und Tahini, unterschlägt die Jahre, in denen der junge Mann mit dem Vollbart und der Wollmütze etwa in London oder im legendären The Fat Duck hinter dem Herd stand. Learning by doing, warum nicht gleich in einem, nein dem, britischen Drei-Sterne-Restaurant? Die Küche in der Schneiderei weiß dementsprechend um das Herzhaft-Herzliche der britischen Gastro-Pub-Kultur: Lammfilet mit angeflammtem Wintergemüse oder ein fangfrischer Barsch an einer, Achtung, tiefenaromatischen Hühnersauce. Klare Kompositionen, kein Chi-Chi, ehrliche Teller. Und wer nun die Sandwiches vermisst: Eines findet sich noch immer unter den Vorspeisen. Und zum Brunch am Wochenende gibt es etwa Grilled-Cheese-Sandwiches mit geräucherter Hühnerbrust und frisch gemachtem Labneh, jenem salzigen israelisch-libanesischen Frischkäse.

Aus gutem Grund

Aus gutem Grund

Vielleicht kommt ja ein*e von Euch aus Deetz, aus Heilshoop oder Röttenbach bei Erlangen. Dann jedenfalls wäre der Karpfen einmal das Tier in Eurem Stadtwappen gewesen. Was auf die lange Tradition verweist, die der Cyprinus carpio hierzulande als Speise- und damit auch Zuchtfisch hat. Beliebtes Vorweihnachtsritual: der lebende Karpfen in der deshalb außer Betrieb genommenen Familienbadewanne. In der DDR gab es darüber sogar einen Weihnachstfilm: Der große Karpfen Ferdinand. Es ist eben so, dass der Karpfen ein Gründler ist und deshalb ausgründeln, also all das Erdige der Fluss- oder Seeböden erst einmal endgültig verdauen sollte. Deshalb die Badewanne. Aber das ist eine Tradition, die – wie auch der Karpfen Blau, ein typisches Silvestergericht aus der Lausitz – etwas ins Abseits geraten ist. Wenn auch die Regionalpresse das Gegenteil behauptet.
Wir behaupten: Esst mehr Karpfen. Er wird regional gezüchtet, was weite Transportwege spart und die überfischten Weltmeere, zumal den Nordatlantik, in Ruhe lässt. Für das Ökosystem ist das vorteilhaft, weil Karpfenteiche zu den artenreichsten Biotopen in Europa zählen. Der Karpfen ist außerdem ein sehr genügsamer Fisch, der nur Pflanzen, Algen und Kleintiere frisst. Er muss, selbst in der Zucht, nicht zusätzlich gefüttert werden. Kurzum. Er hat die beste Ökobilanz unter den Fischen. Und wem Karpfen Blau nun nicht ganz Grün ist: In der chinesischen Küche ist der Karpfen der beliebteste Speisefisch. Und in der Brandenburger Küche von Vadim Otto Ursus im Prenzlauer Berg kommt der regionale Karpfen in einer lokalen Hühnerbrühe auf die Teller. Womit auch noch eine herzliche Restaurantempfehlung ausgesprochen wäre.

Die Graue Woche

Die Graue Woche

Es gibt so genannte Industriemessen. Die Hannover Messe oder die IAA sind eben eine solche. Klar. Nun, wir werden wohl künftig dazu übergehen, auch die Internationale Grüne Woche eine Industriemesse zu nennen. Oder was hat eine vegane Wurst von Nestlé, Markennamen Garden Gourmet (the „incredible Wurst"), noch mit Landwirtschaft zu tun? Kurzum: Die Grüne Woche 2020 wird in der Chronik dieser ohnehin schon lange eigenatig naturfernen Veranstaltung als jene benannt werden müssen, auf der sich gerade die globalen Konzerne zu einer sogenannten Nachhaltigekit bekannt haben, und doch weitest entfernt von dieser waren. Auf der Slogans, wie vegan, vegetarisch, naturnah zu Industrieprodukten verkamen. Überall nur noch radikal verarbeitete Lebensmittel. So etwas wie „Käse" beispielsweise – aus Mandelproteinen. Und dabei geht es den Großkonzernen, die Rügenwalder Mühle hat es vorgemacht, nicht einmal um einer andere Ernährung, sondern schlicht eine noch einmal günstigere Produktion.
Das es auch anders geht und noch wichtiger, dass viele wollen, dass es eben anders gehen soll, zeigt derweil diese Zahl: Nach Angaben der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg (FÖL) lag der Gesamtumsatz der regionalen Bio-Branche im vergangenen Jahr bei 580 Millionen Euro, im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von zehn Prozent. Die Nachfrage scheint also da. Das Nachfragen und Nachdenken auch. Bis dahin, also bis zu Ernährunsgwende, sollten wir uns an eine Satz von Michael Pollan halten: „Esse nur Dinge, die Deine (Ur-)Großmutter auch als Lebensmittel erkannt hätte." Radikal verarbeitete vegane Currywürste zählen wohl eher nicht dazu.
(Fotos: © Messe Berlin GmbH)

Ackern für Veränderung

Ackern für Veränderung

Vor wenigen Wochen sorgte diese Nachricht, nein, sie sorgte eben gerade nicht für Schlagzeilen, sondern wurde einzig in der Fach- und Branchenpresse vor allem der kleinteilig-biologischen Landwirtschaft notiert: Der ehemalige Präsident des Thüringer Bauernverbandes Klaus Kliem hat seinen Betrieb veräußert. Ein Betrieb, der zum einen 4500 Hektar groß war, man sollte ganz unbedingt nicht mehr Bauernhof dazu sagen. Vor allem aber wurde besagte Geithainer Landwirtschafts GmbH an die Boscor Land- und Forstwirtschafts GmbH & Co. KG veräußert – die wiederum ein Tochterunternehmen einer deutschen Discounterkette ist.
Am 18. Januar haben wir es wieder satt. Und es sind Fakten wie die eben genannten, die diese Demo für eine Agrar- und Ernährunsgwende so wichtig machen. Vielleicht wichtiger denn je. Denn längst geht es nicht mehr nur um den Widerstreit einer konventionellen und einer biologischen Landwirtschaft, auch wenn dass die biederen Bauernproteste aus dem vergangenen November nahelegen wollten. Es geht schlicht darum, ob es in einigen Jahren noch freie Landwirt*innen gibt. Oder ob, um es mit dem Zukunftsforscher Eike Wenzel zu sagen, „es nur die Frage sein wird, ob das Land nun großen Lebensmittelketten, Chemiegiganten oder irgendeinem Investmentfond gehört.“ Und dass diese neue, an anderen Ecken der Welt längst übliche Form einer industrialisierten Landwirtschaft nicht nur weiterhin Agrarsubventionen einstreicht. Sondern sich auch in jenen Gremien festsetzt, die über den Fluss dieser Gelder mitentscheiden.
Aber andererseits: Brandenburg hat seit wenigen Wochen mit Axel Vogel einen grünen Landwirtschaftsminister. Und Berlin investiert in eine Kantine Zukunft und damit in handwerklich verarbeitete, vorwiegend aus Bioprodukten gekochte Essen etwa in Kitas, Krankenhäusern oder Behördenkantinen. Und auch wenn die Fridays for Future-Proteste das Feld der Ernährung und erst recht ihrer Rahmenbedingungen eher in Schlagworten behandelt haben: Radikal verarbeitete Lebensmittel, die wenig nachhaltig Transportwege einer globalisierten Landwirtschaft und erst recht die Lebensbedingungen der Masttierhaltung schlagen immer mehr Menschen auf den Magen. wir prognostizieren: Die Wir haben es satt-Demo, ab 12 Uhr auf dem Potsdamer Platz, wird größer, lauter und wichtiger denn je.
Klaus Kliem übrigens, der ehemalige Bauernpräsident, darf gegenwärtig nicht einmal mehr Schweine halten. In seiner Schweinezuchtanlage waren massive Tierschutzverstöße festgestellt worden.

Kumpel & Kuchen

Kumpel & Kuchen

Kennt ihr das, wenn die ganze Wohnung nach frischgebackenem Streußelkuchen riecht? Oder nach einem langsam im Backofen schmorenden Hähnchen? Ungefähr so funktioniert dieser Text. Und wenn Ihr Euch anstrengt, könnt Ihr das auch riechen. Wir wollen Euch nämlich Hunger machen, auf kulinarische Veränderungen bei uns in der Markthalle. Und in der ganzen Stadt. Irgendwo dazwischen liegt die Reichenberger Straße 124, wo unsere Nudelhelden Mani in Pasta schon in 14 Tagen ihr Restaurant eröffnen werden, dessen Herzensthema natürlich die, wie man in Italien sagt, Primi Piatti bleiben. Und noch einen hat es aus der Markthalle in die Stadt gezogen. Alfredo Sironi wird, Ende Februar, neben seiner neuen zweiten Bäckerei in der Goltzstraße 36 seine Pizzeria eröffnen. Und dann bauen Kumpel & Keule neu. Und größer. Etwa, um künftig auch Hackfleisch für die Bolognese verkaufen zu dürfen. Und überhaupt den Platz zu haben, den ehrliches Handwerk nun einmal braucht. Gebaut wird an der Wand zur Pücklerstraße hin. Während die bisherige Metzgerei zur Kuchen- und Tortenmanufaktur wird. Wir freuen uns ehrlich und aufrichtig Annette Zeller dann voll und ganz und (beinahe) tagtäglich bei uns zu haben.
Noch einige Aromen aus der kulinarische Stadt: Lode & Stijn, deren Geschichte und deren Gerichte so eng mit unserer Halle verknüpft sind, werden ebenfalls noch im ersten Jahresdrittel ein neues, zweites Lokal im Neubau des Suhrkamp-Verlags an der Torstraße eröffnen. Casual Dinning, Lunch und Kaffeepausen, eine Bar, kurzum ein spannender neuer Ort. Und dann wäre da noch Dylan Watsons exzentrisch konsequente Produktküche aus dem Restaurant Ernst im Wedding, die wohl im Sommer einen versprochen lässigeren Ableger bekommt. Eine Weinbar, ebenfalls in der Gerichtstraße, dann nicht mit 29 sondern vielleicht so mit zwölf Gängen.

Marktgespräche

Marktgespräche

Das im September vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg initiierte Dialogverfahren ist dort angekommen, wo es hingehört: Auf den Marktplatz, mitten in die Markthalle. Denn unser gemeinsames Ziel ist es, mehr Beteiligung am Dialogprozess zu ermöglichen.
In einem ersten Schritt waren seit dem 28. September Mediatorin Doris Wietfeldt und ihr Team im Lausitzer Kiez unterwegs und haben die Menschen hier in der Nachbarschaft nach ihren Bedürfnissen und Forderungen für den Kiez im Allgemeinen und zum Thema Lebensmittel und Essen im Speziellen befragt. Jetzt geht es einen Schritt weiter. Am Montag ist eine Nachbarschaftswoche hier in der Markthalle gestartet und damit die beste Gelegenheit, Euch konstruktiv mit Euren Ideen, Wünschen und Anregungen einzubringen, sie aufzuschreiben und im Gespräch kundzutun. 
Was ist Eure Meinung, wie es mit dem Experiment Markthalle Neun weitergehen könnte? Wie stellt Ihr Euch eine lebendige Markthalle in Berlin-Kreuzberg im Jahr 2020 vor? All Eure Antworten – so vielseitig sie auch sein mögen – fließen, anonymisiert, in das Verfahren ein. Alles was Ihr dafür tun müsst? Mitmachen!
In einem dritten Schritt soll es eine Beteiligungswerkstatt hier in der Halle geben, die auf den Ergebnissen der Befragung aufbaut. Doris Wietfeldt und ihr Team sind noch bis Samstag, den 11. Januar bei uns in der Halle: Unter der Woche von 11–19 Uhr und am Samstag von 9–15 Uhr.

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